Ägypten - mit letzter Tinte

April 7th, 2012

Es gab einen Herrn Norbert Lammert in diesen Tagen, der in der Süddeutschen als “der große Demokrator” bezeichnet wurde, weil er in Kairo dem Parlament einen gläsernen Reichstag übergeben hat. Symbolisch soll es sein. Aber auch seine Hinweise an Revolutionäre und Islamisten sich gegenseitig zu respektieren, scheint man ihm gutzuschreiben.
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Meine persönlichen Erfahrungen der letzten 6 Monate!, ja so lange sind wir nun in Kairo, davon über 3 Monate am Stück, sind mehr und mehr in Pessimismus umgeschlagen.
Wer sie täglich sieht, die Armut, mit der der größte Teil der Bevölkerung geschlagen ist, die Dummheit, mit der ebenfalls ein großer Teil der Bevölkerung in Berührung zu stehen scheint, die Ausweglosigkeit, mit der man diese Ökologie hier in der Stadt brandmarken könnte, die Aggressivität, mit der die armen Leute sich wegen kleinster Kleinigkeiten an die Gurgel fahren, dieser Schmutz und Müll an allen Ecken der Stadt und die Ignoranz mit der Jedermann diesen Nil, der das alles forträumen soll, belädt, all das haben mir meine Begeisterung und meine anfängliche Freude an dieser Stadt und meinem Orgelprojekt hinfort geblasen. Eben weil es da keine Hoffnung geben kann.
Am Schlimmsten noch waren meine schwarzen Bilder, wenn aus Deutschland Nachrichten kamen, die uns zeigten, mit was sich die Deutsche Presse derzeit beschäftigte, was das deutsche Herz für Problemchen hatte, die kuriert werden mussten. Das tat man dort in schönen und belanglosen Fernsehdiskussionen für eine kopfnickende Herde.
Da griff ich zur stärksten Droge, die mir zugängig war, zum Ebook des “Harald Welzer - Klimakriege” , ein deutscher Schock auf den ägyptischen draufzusetzen, also gewissermaßen die miserable Stimmung in Kairo mit einer noch miserableren Stimmung, die einem bei dieser Lektüre kommt, hinauszutreiben. Und damit das Leben wieder im nihilistischen Sinne erträglich zu machen. Klar war, dass als weiteres Begleitprogramm die über itunes-U vertriebenen Lesungen über Nietzsches Nihilismus parallelisiert werden mussten.

Wer ein solches Schockprogramm über Wochen durchhält, der wird zweifellos von den gegenwärtigen Kleinheiten des alltäglichen Kairolebens geheilt sein. Unnötig zu sagen, dass die Aggressionen in - und außerhalb des Leibes zunehmen und auch sonst alles sich abspielt, als würde die Welt völlig verrückt werden.
Was also ist Wahrheit? Was darf man sich antun, welche Nachrichten darf man sich zuführen und welche darf man glauben, welche muss man ignorieren? Wo muss der Ausgleich stattfinden?
Die große Seelenfrage, die wir vielleicht bei Epikur, Marc Aurel, Epiktet oder Boethius anständig und antik beantwortet finden, wir werden keine leichte, glasklare Antwort mehr finden in der Gegenwart, noch weniger in der Zukunft, weil es dort keine Weisen und keine Seinsweisen für Weise mehr geben kann.
Die Weisheit ist endgültig verschwunden.
Probleme sind da, um gelöst zu werden, technisch gelöst zu werden. Getrübtem Lebenssinn hingegen kann man vielleicht etwas Ästhetik zuführen, Bach oder New Age, aber Lösung oder gar Erlösung, ein Lieblingswort dieses Nietzsche, hat nach dem Tode Gottes keinen Sinn mehr.
So also kehre ich irgendwann heim nach Deutschland, gepeinigt mit Bildern aus Kairo, Begriffen aus “Welzer”, gebeutelt und geschlagen mit Nietzsches Nihilismus und dem Wissen um Arabia, das auf etwas zutreibt, das mir schwärzer als das dunkelste aller schwarzen Löcher vorkommt.
Und in einem noch dunklen, aber greifbaren Schatten, erkenne ich Europa, das ohne Not alle Chancen der Zukunft aus der Hand legt.

gerhard@walcker.com 7.4.12

ein Leben lang: die kürzeste Philosophie…

Juni 8th, 2011

Keiner weiß, dass das Leben nur einen Tag lang ist - und! - es für alle gleich lang dauert. Voraussetzung ist die Gegenrechnung von Leid und Glück, entgangenem Leid und entgangenem Glück. Das nenne ich göttliche Gerechtigkeit, die man nur von einem sehr, sehr hohen Podest aus überblicken kann. Aber auch die Ameise hat ihr Glück und ihre drei Zahlen es berechnen zu können.
gewalcker@t-online.de

im Labyrinth von Antike und Mythos

April 11th, 2011

Man kann die römische Bürokratie als den Drachen sehen, den der Held, sei es Siegfried oder Erzengel Michael, mit dem Speer erschlägt , und die damit die symbolische Parallelität zur ungezügelten Sexualität andeutet, die zur dauerhaften Gefahr und zur Ausrede wird, hinter der sich ein ganzes Volk zu verstecken versteht.
Wir Deutschen kennen das aus eigener Geschichte. Griechen, Italiener, Portugiesen und andere haben es sich bequem gemacht hinter diesem Schild, der immer noch das Schreckenshaupt der schlangenbewehrten Medusa zeigt.
Der Druck, die große und schwere Hypothek der Antike wird so aufgelöst in Verantwortungslosigkeit, die man ausdrücklich begrüßt, weil man dem Wort der Philosophen und dem Bild der Künstler nichts anderes mehr als eben jene Bürokratie entgegen setzen kann. Schulterzückend, sich hilflos ergebend.
Der Künstler wird durch den Bürokraten ersetzt. Die Troglodyten mit der größten Fresse haben das Sagen. Mythe wird zum Geschwätz, das ein paar Touristendollars springen lassen soll, mehr darf der Antike nicht mehr zugemutet werden.
Das Labyrinth des Alltags wird mit ausdrücklicher Unwissenheit um den Faden der Ariadne, mit konstruierter Hilflosigkeit umsponnen. Das Problem des einsamen Helden, der Fafner erledigen soll, bleibt jenseits aller Medien, im Verborgenen, und damit erst wird es zur Heldentat. Denn die Stille ist das einzig Heilige, das aus der Antike übrig geblieben ist. Sie kann nicht mehr geoffenbart werden. Sie hängt ebenso am Glauben wie alle Religion. Nur hier, in diesem Raume haben wir noch eine Chance.
Soweit könnte man die Erlebnisse in Rom abhaken und sich eine Geschichte jenseits der Mythen ausdenken, bliebe da nicht ein kleiner, heißer Wermutstropfen, der die Liebe zu einem Stück Orgelmetall beschreibt.
Wer glaubt, alle Realität sei im Hirn konstruierte Tatsachenwelt, der hat das deutsche Wort “Wirklichkeit” das oft als Übersetzung für das angelsächsische “real” herhalten muss, womöglich nicht verstanden. Denn das besagt, dass nur wirklich ist, was wirkt. Und damit kann vom Traum bis zur strahlenden Vision alles der Wirklichkeit zugerechnet werden, auch ein Stück Orgelmetall, das eine Beziehung zu einer Orgel hergestellt hat. Und das nur lebt, weil es im Feuer einer Leidenschaft glüht.
Wir haben am gestrigen Samstag zum ersten Mal unsere Orgel im Conservatorio Santa Cecilia richtig gehört, als Ludwig Audersch aus Solingen die tamburinische Pralinenschachtel des Frederico Germani, vorsichtig und fein dosiert ausprobiert hat. Dabei wurde mir klar, welche Feinheiten in dem Instrument stecken und welche Möglichkeiten auch im heutigen Dröhnen der Flutes und Trompettes in solchen Farben wie Salicional mit Cimbel zweifach oder nur in einem Gemshorn mit kleiner Terz stecken. Kein einziges Mal war es bei diesem Tasten an der Orgel notwendig geworden das Grauen des Tutti oder das geschwätzige Geschnatter zu eng mensurierter Trombas durchzuhören.
Das ganze bombastisch verstrahlte Lametta, das man über die Ohren von hundert Chinesen oder Japanern ausschüttet, um Wirkung zu erzielen, das “Wachet auf Ihr armen Tröpfe..”, das heutigen Organisten so unheimlich schnell von den Fingern fliesst, all das können eingeweihte Seher von morgen nicht mehr hören.
Rom jedenfalls war für Odysseus, der nun weiter seine Runden dreht im Mittelmeer nach Ägypten, nach Schottland, nach Romania, überall dort eben wo die Einäugigkeit eines Zyklopen* verhindert, dass man dreidimensionales Sehen und Hören in die Wirklichkeit entlässt, ja dieses Rom war eine Erfahrung, die wieder bestätigt hat, dass ein mit Historie übersättigter Boden, Leben abziehen kann, statt es zu bereichern.
Das Irren im Labyrinth, das solcherlei Erkenntnis erst ermöglicht, hingegen, lässt die Sonne aufscheinen. Aber wie gesagt, sie scheint, und der Schein ist etwas für den Künstler….the reality überlassen wir den Engländern und die Wirklichkeit den Deutschen. (gewalcker@t-online.de)

*Zyklop: ach was für ein herrliches Symbol ist den Griechen mit diesem Gesellen vor dreitausend Jahren geglückt. Wer hier nicht den Monitor von TV und Computer erblicken kann, den unser armer Held Odysseus zu erschlagen hat, aus dessen Anblick er sich zu befreien hat, und das sein elementarstes Erlebnis sein muss, der hat wahrlich keinen Zugang zum Mythos. Gerade an dieser Symbolik erkennt man rasch, dass zwar dem Mythos der Logos gefolgt ist, vielleicht eine Verschränkung statt gefunden hat, aber ein Ende des Mythos nicht in Sicht ist.

Von der Zivilisation zur Apokalypse: Guenther Anders und andere Apokalyptiker

April 3rd, 2011

Man kann die Geschichte der Menschheit, die ja, wenn man stark vereinfacht nur 20.000 Jahre zählt, also weit weniger als die erste Halbwertszeit des in Fukushima ausgelaufenem Plutoniums, ein ebenso stark vereinfachtes Rechenspiel anstellen. Ich denke mir, wenn es schnell gehen muss, das Haus brennt, in zwei Miinuten explodiert der Öltank etc.., dann ist es erlaubt das zu tun.
Hier also meine Geschichte der Menschheit in drei Zeilen:

Abholzen + Verbrennen = Kultur (Prometheus)
Kultur + Technik = Zivilisation (Antike)
Zivilisation - Kultur = Apokalypse (Moderne)

Ich habe versucht diese Entwicklung auf einen Dreisatz zu bringen, der absichtlich ein schräges Gefälle aufweist, weil durch eine zu offensichtliche Klarheit die Wahrheit verwischt werden würde.
So unterscheiden wir natürlich zwischen der griechischen Techne und der heutigen Technik.
Ehemals, als man nur einfachste Werkzeuge kannte, ging von diesen keine Gefahr aus, während heute die Maschine den Menschen domestiziert und nur noch Freiheit darin besteht, dem “freien Geist” einige “Clicks und Buttons ” zur Wahl zu stellen, während der Verzicht auf Computer, Kfz oder Bahn, Kohle, Kernkraft oder Windenergie, in aller Konsequenz nie mehr erlaubt sein wird.
Selbst stoische Nonkompromissler, die keinerlei Technik an sich herankommen lassen wollen, hätten mit der “Unfreiheit” zu kämpfen, permanent an die Maschine denken, um ihr ausweichen zu können. Das würde dann sogar ihren ganzen Lebensinhalt ausmachen. Die Gesellschaft hingegen hat sich auf die Maschine geeinigt, ebenso darin sich den Bedürfnissen der Maschine anzupassen.
Das heißt, die Gesellschaft hat sich ständig den Bedürfnissen, der Logistik und den durch die Maschinen vorgebauten Strukturen völlig zu unterwerfen.
Auch beim Abschalten aller Atomkraftwerke werden wir ständig durch die jeweilig vorherrschenden Technologien auf deren Gefahren und Schädigungen erinnert und werden dadurch ins Glied gestellt.
Dazu kommt, dass der Mensch, der maßlos Energie verbraucht, immer daran erinnert wird, dass der größte Teil aller anderen Menschen dies nicht tun kann, weil dieser die Mittel dazu nicht hat.
Jenes Belohnungssystem, das den Ausschluss aus dem begüterten Reigen sehr schön anhand der täglichen Tagesschauen mit drohendem Zeigefinger ins letzte Zimmer strahlt, zeigt Wirkung in der Form, dass wir kaum in Europa mit grundsätzlicher Systemkritik, nicht einmal bei den kritischen Philosophen rechnen können. (mein nahezu gesamter Bekanntenkreis hat sich in den letzten zwei Jahren dahingehend aufgelöst, dass man nun “sehr kritisch” die “Daumen” bei Facebook abhakt, und in dieser eher in Richtung Rinderherde mutierenden Gesellschaft, die sich gegenseitig Mut zumuht, anstatt gerade einer solchen offensichtlichen Verdummung Platz zu machen, wäre es an der Zeit laut aufzuschreien, wie von Munch gemalt)
Die Katastrophe ist also nicht das ins Chaos abdriftende Kernkraftwerk in Fukushima sondern der technische Alltag eines modernen Europäers, der keinerlei Bewusstheit für diese alltägliche Katastrophe aufkommen lassen will. Die Katastrophe ist die Logik dieses Weges, der in der Apokalypse münden muss, wie es Günther Anders in “Die Antiquiertheit des Menschen (1)” bereits im Jahre 1954 so detailliert vorausgesehen hat, dass man die Konsequenz dessen, was wir in den nächsten Jahren erleben werden, dort eingemeißelt in bleischweren Lettern zur Kenntnis nehmen können. Was uns wahrlich keinen Trost bringen wird.
Das Problem allerdings ist, dass wir mit den Thesen von Apokalyptikern (auch von der Ausnahme des Jesus von Nazareth) nicht unser Tagesgeschäft organisieren können. Der Mensch braucht dazu Hoffnung und über die Philosophie hinausgehenden Ratschluss.
Wer allerdings nie über die Banalitäten seines Alltags hinaus sieht, wer nie Internet, Television, “die Steckdose”, den unbedingt notwendigen Kleinwagen, seine Fließbandarbeit und was noch alles für Kram, in Frage stellen kann, wer seinen Alltag nicht explodieren lassen kann in einen neugeborenen Stern, der mit sprühender Leuchtkraft seinen eigenen ganzen Kosmos erhellen kann, der sollte erst gar nicht versuchen diesen kleinen Artikel zu verstehen, weil er dort vergebens nach “Nutzen” und anderen Dingen sucht.
gewalcker@t-online.de

Kairo - Aufstand gegen den Diktator

Januar 30th, 2011

Der Verfasser war kurz vor Weihnachten 2010 in Kairo, um dort eine Orgel in der Deutschen Evangelischen Kirche zu besichtigen und darüber Restaurierungsvorschläge zu unterbreiten.
Der Aufenthalt in der “Mutter aller Städte” sollte einige Tage beanspruchen und wurde für mich, wie auch für meinen Sohn Andreas, zu einem schönen Abenteuer, das wir nicht missen wollen.
Wir waren untergebracht in einer schönen geräumigen Wohnung eines deutschen Diplomaten auf der Nil-Halbinsel Zamalek, wo oft genug billige Taxifahrer vor dem Haus parkten, um uns in den Weiten der 20Millionen-Metropole Kairo irgendwo hinzufahren.
Was mir persönlich auf Anhieb in Kairo positiv auffiel waren die Menschen, mit ihren weichen, anschmiegsamen Charakteren und ihren sehr höflichen Umgangsformen. Nie haben wir ruppige oder abweisende Personen in Kairo angetroffen. Bei einer Taxifahrt zur Deutschen Evangelischen Kirche, bei der der Fahrer nicht wusste wie er zu dieser Kirche gelangen sollte, haben wir mit über 10 Personen Kontakt bekommen, die uns alle aus tiefster Verbundenheit beraten haben. Es wurde auf den Straßen debattiert, Pläne gemalt, Fotos verglichen, Verwandte, Pfarrer und Freunde befragt. Wir fuhren zwei Stunden kreuz und quer durch Kairo, und haben sicher die Kirche mehrmals gestreift. Konnten uns in Französisch, Deutsch und Zeichensprache verständigen. Am Ende aber kamen wir natürlich viel zu spät, haben aber schöne Einblicke in die arabische Seele der Ägypter nehmen dürfen, die uns großartig beeindruckt hat. Die Freundlichkeit dieser Menschen kann man kaum in solchen Maßen in anderen Ländern antreffen.
Auffällig natürlich in Kairo an jeder Ecke, in jeder Straße, die extreme Armut die weit über die Hälfte aller Bewohner der Stadt wie ein Pestgeschwür umklammert. Die restlichen 50 % würde ich immer noch als sehr arm nach unseren sozialen Vorstellungen nennen. Wenn es hoch kommt, gibt es in dieser Stadt keine 20.000 Leute, die wirklich angemessen und bedürfnisfrei leben können.
Das Wasser der Stadt ist stark mit Chlor versetzt, Müllabfuhr gibt es nicht, das Verkehrschaos und der Gestank der uralten Kisten sorgt für entsprechende Luft. Der Nil wird als Müllabfuhrkanal benutzt, wer dort eine Fahrt antritt, wird mit schwimmenden Plastiksäcken konfrontiert und schlimmer noch, an den Ufern mit der bitteren Armut, die das Land und besonders die Stadt Kairo im Würgegriff hat.
Der Ekel vor dieser unmenschlichen Lebensform hat mich bis heute nicht mehr verlassen und um so mehr habe ich es begrüßt, dass die Leute gegen diese Militärdiktatur endlich bereit ist aufzustehen, um diese korrupten Banditen aus dem Land zu jagen.
Wie traurig war es, als in Tunesien bei den Massenprotesten gegen ihren verbrecherischen Präsidenten, keine einzige Stimme in Europa oder Amerika sich erhob, um diesen armen Wichten Solidarität zu bekunden. Wie traurig wieder ist es heute, zu sehen, dass diesen geschändeten Menschen in Ägypten wieder keine Unterstützung vom Westen beikommt, weil man dort die wirtschaftlichen und militärischen Gesichtspunkte vor die humanitären gesetzt hat. Damit bricht das ganze blasse Gerede von Demokratie und Humanität, was ja die Zwecke sind, denn das Militär soll ja Mittel zum Zweck sein, wie eine schaurige Lüge in sich zusammen.
Ich muss an die Menschen denken, die mit 30-50 Euro im Monat in Kairo leben, ohne frisches Wasser, ohne Hartz4, ohne Rechtsanspruch vor Gerichten, die beispielhaft in ihrer Bescheidenheit und Höflichkeit sind und die viel zu stolz wären, um meine Kategorien der Armut gelten zu lassen, die so direkt uns als Ideale vorangestellt werden können, die so große Hoffnungen in Europa und in die USA haben, und nun sehen müssen, dass dieser Mubarak, der sie verprügeln und erschießen lässt, mehr Unterstützung durch diese Staatenbünde erhält als sie selbst. Das bedrückt.

Wir dürfen uns deswegen am Ende nicht wundern, wenn Ägypten sich vom Diktator befreit und danach eher in die Arme des radikalen Islam fällt, als dem Westen zu trauen. Wir Deutschen sind hier in der Pflicht. In unserem Land hat es die radikalste Militärdiktatur gegeben, die man sich vorstellen kann. Wir sind bereit dieses grauenhafte Kapitel der Deutschen Geschichte aufzuarbeiten, aber dabei dürfen wir nicht diese Erfahrungen an der Gegenwart vorbeiziehen lassen, als sei Geschichtsaufarbeitung Selbstzweck. (gewalcker@t-online.de)

Kairo, Pyramiden und Götter

Januar 30th, 2011

Wer die fünfundzwanzig Kilometer von Kairo entfernten Pyramiden sehen will, muss über die Styx der nebelschwarzen Autobahn, wohin ihn Charon im Taxi überführt, und was dem so Überführten Lunge und Nase zudrückt. Auf Letztere komme ich gleich zurück.
Dann wird er sehen, dass der Schleim ums Areal der Heiligtümer so stark angewachsen ist, dass er das “Heilige” nicht mehr erahnen kann. Touristen, Wasserverkäufer, stinkende Kamele und am Touristen gesättigte Araber verübeln jeden Ausblick, jenes Geheimnis der Pyramiden wahrnehmen zu können. Als ob die Pharaonen solche Grauzone vor ihren Grabstätten mit Absicht hätten anwachsen lassen. Eine Technik, wie sie Nietzsche bei seinen Schriften angewandt hat, indem er platte Wahrheiten um seine Aphorismen gestreut hat, um den Flachköpfen etwas an die Hand zu geben, das ihre von Facebook&Co plattgewalzte Seele mit Stolz und Wissen füllt, während die schön versteckten, geheimen Wahrheiten nur den Eingeweihten zugänglich sind. Gründe warum man Nietzsche und die Pharaonen lieben muss: sie bewahren uns vor der sogenannten “nüchternen” Realität.
Mit Entsetzen habe ich die Sphinx betrachtet, das größte abbildnerische Monument der Menschheit, weil man ihre Nase abgeschlagen hat. Schon im ägyptischen Museum in Kairo ist mir sofort aufgefallen, dass allen Standbildern die Nasen abgeschlagen wurden. Ich vermutete irgend ein religiöses Ereignis in den 1000-2000 Jahren vor der Zeitrechnung, bei dem Religionsansichten gewechselt hatten und die alten Götter entrechtet wurden. Nicht ganz falsch war diese Ansicht, aber ich wurde eines viel durchsichtigeren Argumentes belehrt, nachdem ich einen Kulturbeitrag gerade über die Sphinx auf irgendeinem TV-Kanal betrachtet hatte. Der Sphinx wurde dieser riesige Felsen, der ihre Nase darstellte, ziemlich genau ums Jahr 1450 abgehauen, weil die damalige Bevölkerung immer wieder zu den pharaonitischen Göttern gebetet hatte, wo doch seit etwa 700 n.Chr. Die Araber ins Land kamen, die Ägypter vertrieben und nun Mohammeds Islam einzig gültige Religion im Lande war. Erstaunlich, dass die Islamisten die Nase jener Götter für so elementar wichtig hielten.
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Ein Zeichen dafür, dass diese Religion der Pharaonen richtiggehend lebendig war. Man gehe nur einmal in solch einem Januarmorgen hinaus aufs Feld, lasse dort die Sonne auf die Ackerschollen scheinen und ziehe diesen Geruch durch die Nase ein, wenn man Glück hat und ein Brombeerstrauch ist in der Nähe, wird man um so mehr vom Leben verstehen, das nur durch die Nase gewittert werden kann. Und man sehe sich das Bild an in dem Osiris dem Pharao das Ankh (das altägyptische Kreuzsymbol bei dem der obere Balken wie ein Mund geöffnet ist) an die Nase hält.
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Prozession der ewigen Wiedergeburt. Das Ankh übrigens ging als Kreuz in bei den koptischen Christen ein. Schließlich sind Joseph und Maria nach Ägypten geflohen, vor ihren Schächern. Die Kopten fühlen sich als alte Ägypter in der Nachfolge der Pharaonen: das sind die Auseinandersetzungen zwischen Arabern und “Kopten-Christen”. Mit Christenverfolgung hat dies absolut nichts zu tun, das sind eher vatikanische oder mediale Interpretationen unserer Informationsgesellschaft, die nicht in der Lage sein wollen, etwas tiefer zu sehen.
Aber, um bei Ankh und der Nase zu bleiben, der Hinweis, wie auffällig es ist, dass die altägyptische Kultur praktisch 3000 Jahre an dieser einfachen Symbolik stehen geblieben ist. Die Vielzahl an bildlichen Darstellungen und Hieroglyphen auf allen Gräbern und Statuen, die ich betrachten konnte, hat mir den Eindruck gegeben, dass vermehrt mit Sinneindrücken von Nase und Tasten die Natur betrachtete und weniger als heute mit Augen und Ohren. Der Tastsinn kam etwas später, weil die Hieroglyphen etwa ab 2000 vor der Zeitrechnung mit den Fingern gelesen werden konnten, also plastisch dargestellt wurden und nicht nur gemalt waren. Diese Mehrdimensionalität hat vielleicht noch weitere Informationen für den Lesenden bereit gestellt.
In jedem Falle wird man auf diese zerschlagenen Nasen im ägyptischen Museum keine richtige Antwort erhalten, weil die Leute ja dann sagen müssten, dass ihre Vorfahren solche Missetaten vollbracht haben.
Wir hingegen, in unseren Landen, wissen nur zu gut, welche Brutalitäten unsere Vorfahren aufgebracht haben um Ungläubige und Hexen in gemeinster Weise zu foltern und zu morden, weswegen wir in Mitteleuropa durch die Aufklärung ein gebrochenes Verhältnis zu Religion entwickeln konnten. Wir glauben nicht mehr alles. Und wenn wir glauben, so ist es so, als ob wir wie ein König unserem Untertanen erlauben eine Religionsform auszuüben. Sehen sehr kritisch und peinlich genau zu, was er dann tut.
Die Ursprünglichkeit hingegen in Kairo erfährt man sofort, wenn man einem Taxifahrer den Stadtplan reicht und sagt, hier und dort will ich hin. Er glotzt einen nur dämlich an, weil er nämlich den Plan überhaupt nicht versteht und lesen kann er sowieso nicht. Basta!
Von den Pyramiden zum heutigen Zustand in Ägypten kann man wahrlich keinen “Fortschritt” erkennen, also scheint doch Darwins Evolutionstheorie und der ganze moderne Glaube an Weiterentwicklung ein derbes Missverständnis zu sein.
gewalcker@t-online.de

David Friedrich Precht und kein Egoist sein

Januar 16th, 2011

Wer “religionsbefreit” sein Leben einrichten möchte, hat schon erhebliche Probleme Begründungen für Moral, Kooperation, Sinn, letzten Endes alle Formen des uns bekannten sozialen Zusammenlebens zu finden.
David Richard Precht, der einen Besteller nach dem anderen landet, die allesamt ausschliesslich “Begründungen für solcherlei soziales Verhalten ohne Religion” darstellen, und in denen Schimpansen für Moral in der Natur herhalten müssen, macht es sich nicht einfach in “Die Kunst kein Egoist zu sein”.
Was stört an dem Buch ist, wie schon im vorigen Buch “Liebe ein unordentliches Gefühl”, das ich beim besten Willen nicht bis zum Ende lesen konnte, dass sehr weit ausgeholt wird, um einfache Thesen zu unterminieren.
Ich finde seine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung nach Darwin (Sozialdarwinismus) bis zum I.WK hervorragend. Es leuchtet ein, dass bei dieser verschärften Gangart des Darwinismus, der einpeitschenden Lehrkörper, die Darwins Evolutionstheorie “alle gegen alle” überspitzten, um an allen möglichen Universitäten von England bis Deutschland die Aufheizung des Kriegsklimas begünstigten.
Vergessen wir auch nicht, dass aus diesem Darwinismus heraus der Rassismus der Nazis später seine Wurzeln gefunden hat. Wer sich die Mühe macht, all diese grauenhafte Denkgebäude von Haeckel und Co (Monismus), das vor dem I.WK die deutschen Bildungsbürgerstuben bereichterte, zu untersuchen, der weiß, das Wissenschaft und daran angehängte Philosophien der Menschheit nicht nur Ästhetik und Freude beschert haben.
Dass aber am Ende Schimpansen als Zeugen herhalten müssen, um “Moral in der Natur” zu finden,, jetzt sind wir wieder bei Precht, das ist schon eine abwegige Philosophie, die auch an der heutigen Zeit keine Monolithen mehr errichtet. Denn die heutige Zeit leidet nicht am “Wissen” sondern am “Glauben”. Wobei vollkommen wurscht ist, an welches Heil man glaubt, wenn es nur dem Blochschen “Prinzip Hofffnung” nahe kommt.
Der Titel des Prechtbuches zeigt schon deutlich, wohin die Reise gehen soll: keine Reibung bitte. Die Horde ist die Urzelle, nicht die Herde, das klänge schon wieder etwas böse, sagt Kuh und Ochs zu Frau und Mann. Also der aufs plemplem-TV ausgerichtete Intellekt, der us-amerikanische Sitten gewohnt ist, wo man auch BlahBlah immer noch in schöngetunkten Martinikirschen ausspricht, der ist so richtig Prechts Mandant. Dem kann er die volle Überzeugungskraft offenbaren.
Die Auffassung Prechts, dass der Philosoph heutzutage intensiv in die Wissenschaften Einblicke nehmen muss, um noch philosophisch tätig sein zu können, kann man nur am Rande Recht geben. Nämlich dann, wenn die Philosophie sich anschickt aus den Synthesen der verschiedenen Wissenschaften Schlüsse zu ziehen, die auf mögliche zukünftige Probleme der Menschheit hindeuten. Und diese Probleme deswegen auftreten, weil Wissenschaften (nehmen wir einfach Sozialwissenschaften und den Klimawandel) zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Hier kann unverbildete Philosophie vielleicht Lösungen anbieten.
Das, was ich allerdings jetzt von Precht kennengelernt habe ist: hervorragende, sehr gut gemachte einfache Darstellung philosophischer Problematik, gute Geschichtsdeutung, fragwürdige Lösungsansätze deswegen, weil der Mann einfach glatt und klar die Auffassungen der Neurologen, Hirnforscher und Schwarmverhaltensmenschen übernimmt.
Philosophie allerdings, die meint ohne Metaphysik auskommen zu können, die eine Darstellung wagt, als haben wir nur Fragen zu lösen wie im bequemen Sessel einer Talkshow, die garnicht erst zum eigenständigen Nachdenken auffordert, eine solche Philosophie brauchen wir nicht. Die ist schneller verraucht, als der gestrige Tag.

gewalcker@t-online.de
in Rom

letzte Gedanken des Metaphysikanten und Orgelmachers Gottfried Walther-B 2010

Dezember 31st, 2010

Die letzten Gedanken des beileibe allerletzten Metaphysikanten und Orgelmachers Gottfried Walther-Büschelheimer in seiner letzten Stunde des Jahres 2010, als er seine Reisen nach Rom und Altägypten reflektierte und bereits die bevorstehenden Flüge nach Schottland, seine Italienische Reise 2, die nun visapflichtige Reise nach den USA, eine weitere nach Costa Rica sowie last not least auch eine Reise nach Äquadoria in 2011 in planerische Formen setzte. Alles soll Jakobswege-mässig bereits im Frühjahr abgehakt sein bevor es in diesem turbulent aufleuchtendem Jahr an die Arbeit geht; seine letzten Gedanken hierzu waren also,
1. …….und jetzt kommts :”ja, wer frühzeitig eine Muttersprache gut gelernt hat, nur der kann auch Fremdsprachen lernen. Nur wer als Kind in Religion eingeführt wurde, der kann über Religion befinden, diese durchdenken, von ihren Ansprüchen und Heilsversprechungen Abstand nehmen, und je nachdem, wieviel Liebe ihm mit dieser Religion mitgegeben wurde, dieselbe in einen veredelten Zustande in seinem Herzen bewahrt werden kann. Was heißt, es tobt in solcherlei Menschen nicht das Chaos, sondern ein milder Glanz bescheinigt alle Kontroversen um den Glauben. Da bleiben Faktengrunzer und Dawkinisten außen vor in ihrem lächerlichem Gehabe, alle Religionen seien Einbildungen. Denn auch die Wissenschaften bilden abstrakte Gedankengebäude, für deren Aporien man sehr viel mehr Glaubenskraft benötigt, als für jede einzelne der großen Glaubensrichtungen.
2. Das Denken hat heute andere Formen angenommen, als es vor hundert Jahren der Fall war, als man am Papier sparen musste und natürlich ohne digitale Stützen sich an den wenigen Bildern und Präludien reiben konnte. Da war mehr im Kopf, während heute mehr auf der Platte ist, weswegen der Kopf schrumpelt und die Kapazität von Festplatten bald monatlich sich verdoppelt. Kurz und bündig: der Mensch kuscht vor der ihm ins Gigantische aufscheinenden Technik und flüstert die Namen von Technikmarken wie einst die alten Römer Namen von Göttern und Dämonen nur halblaut auszusprechen wagten. Anstatt dass ihm die von den Romantikern angebotene Metaphysik der Musik geläufig geworden wäre: “Das Leben ohne Musik ist ein Irrtum. ” Gemeint aber war nicht die Dauerberieslung via Mp3-Player, das passive Musik konsumieren, sondern die aktive Gestaltung, das Hineininterpretieren aller tiefsten Geheimnisse in die Musik. Was bei Wagnerscher Musik Nietzsche nicht mehr möglich war (diese war ihm zu affektiv und damit der Vorläufer zu heutigen Popmusik, die Nietzsche heute zu viel Sexos und zuwenig Eros enthalten würde) Und damit kommt Gottfried Walther-Büschelheimer aufs dritte meta-thema.
3. Die Schwächen der Menschen, ihre geistige Infektionsbereitschaft nimmt dabei zu. Während früher einer, der etwas labile sexuelle Eigenschaften hatte, diese weder im Kopf noch in der Realität ausleben konnte , und so von der Wirklichkeit gehindert wurde, seine Schwäche laufen zu lassen,(seinen labilen Trieb, der wie ein Tier in seiner Seele auf und abläuft) wurde also an der Kette der realen Bedingungen gehindert laut aufzubellen und andere in die Waden zu beißen. Heute ist dies grundlegend anders. Das Tier kann sich im Internet Futter besorgen und dort auch jeden anbellen, der dafür geeignet erscheint. Es läuft nicht nur auf und ab, in der Seele des Gepeinigten, sondern wird geradezu angetrieben von dieser aufpeitschenden Speise, bis es aus diesem ehernen Gehäuse herausbrechen kann und es zu Mord und Totschlag kommt.
4. Man könnte sagen, aber vor dem Internet gab es doch auch schon Priester, die sich an Kindern vergangen haben, was richtig ist. Aber die Medien der damaligen Zeit haben für Menschen in derartigen Sonderstellungen bereits alle Trieb-Fresspakete bedient, um deren läufigen Tieren den Exzess zu ermöglichen. Während hier und heute ja gerade nicht Menschen in Sonderstellungen in die Trieb-Fress-Falle des Internets tappen, sondern Jedermann. Überall werden mit simplen Clicks Fallböden aufgerissen, wo selbst gut gerüstete Helden in einem Sumpf aus Krokodil und teuflischer Schlangenzucht hineinfallen und langfristig auf einen totalen Kampf zwischen ihren 1000 Schatten und den (eigentlich nur für Konsumzwecke) aufgerichteten Fallen sich einstellen dürfen.
5. Da kommt es wie ein Zufall daher, dass bereits 3oder 4jährige Kinder in Adventures geschult werden, wie sie Ungeheuer besiegen oder ihnen aus dem Wege gehen.

Die Welt also, so Gottfried Walther-Büschelheimer, ist nicht schlechter geworden, das Neue Jahr wird nicht katastrophaler, als das letzte, sondern die Abstraktionen in den Hirnen der Menschen, die immer weniger Sinnlichkeit und musikalische Ästhetik zulassen, nehmen zu und bereichern damit nicht mehr, sondern verarmen das Leben. Weil bei einem größeren Maß an Sinnlichkeit, mehr Angst verarbeitet werden kann. In größerer Abstraktion hingegen wird Problematik ans “Unbewußte” weitergereicht, dass nur noch im Traum die Möglichkeit hat sich realisieren zu können.
gewalcker@t-online.de

Wikipedia - das schlechteste Wissen,

Dezember 28th, 2010

das es je gab.

Wie ist das mit der Wahrheit, habe ich mich gefragt, beim Studium des letzten Wikipedia-Artikels, der über Walcker derartig Abstruses und offensichtlich Falsches an den Mann zu bringen versucht? Wer hat überhaupt Interesse an der Hervorbringung solches Wikipedia-Blödsinns?
Nach den Regeln und Vorstellungen der Gründer dieser Wissensplattform soll Wahrheit aus einem gemeinsamen Dialog heraus gestaltet werden, der gewissermaßen immer irgendwie im Fluss ist. Das ist sehr schön gedacht, durchaus auch zeittypisch,, zielt aber an dem einen wichtigen Umstand vorbei, dass gerade heutzutage jede Laus, die irgendeinen Krümmel für wichtig und bedeutsam hält, uns mit ihrem Vortrag vom Wesentlichen der Sache ablenken kann, weil wir ja wähnen, alle Informationen müssen reingezogen werden, koste es was es wolle. Es ist sogar so, dass ganz planmäßig ein Heer von Läusen unterwegs ist und ähnlich den Hackern und Crackern, Unwichtiges voranstellt, um Hass oder Eitelkeiten zu befrieden. Oft soll ein Professor gelobt werden, damit es gute Noten gibt, oder man bücklingt vor irgendetwas Zweit-und Drittrangigem, das einem im Beruf weiterhelfen könnte (”übrigens, ich hab Sie ausführlich im Wikipedia-Artikel erwähnt..”). Damit fließt dann das ganze Leben der kleinen Alltags-Korruptionen ein ins “Bewußtheit der West-Menscheit”, das oft hochgelobt, dann kläglich versagt, wenn man es aus seiner Fachsparte heraus etwas genauer unter die Lupe nimmt.
Hintan gestellt werden dann die Dinge, die der gemeinen Laus deswegen zuwider sind, weil sie den geistigen Kraftakt scheut, intensiv über diese oder jene kulturelle Bedeutung nachzudenken. Das wäre dann doch zuviel, auch noch über die Fakten nachdenken, die man über copy und paste mühsam herangeschleppt hat.
Am Schlimmsten noch ist es, wenn verhinderte Forschernaturen sich einen zu großen Gegenstand in ihre kleine Stube gezerrt haben und sich nun daran verbeißen, weil “der Ruf nach etwas Bedeutung” sie zwackt und zwickt. Dann kommen “Walcker-Wikipedias” dabei heraus, wo die unmittelbar nächst gelegene Orgel der zentrale Diskussionstoff ist, auch wenn keinerlei Gründe dafür sprechen, dass sie irgendeine Bedeutung für das Schaffen der Firma gehabt hat. Oft will man auch dem restaurierenden Orgelbauer eine Gefälligkeit erweisen. Der kleine Stachel der Machtlosen.
Wer die in Kisten eingemottete “Gelsenkirchen-Orgel” als die größte existierende Oscar-Walcker-Orgel bezeichnet, lügt in mehrfacher Hinsicht. Erstens ist eine in Kisten verpackte Orgel kein spielbares Instrument über das man derartige Aussagen machen kann, zweitens gibt es Stockholm und Barcelona und drittens ist Bukarest als spielbares Instrument Oscar Walckers bedeutender als irgendetwas in Kisten eingemachtes, das womöglich nie erklingen wird, und viertens sind die Taschenladen der originalen OW-Orgel in Gelsenkirchen gegen Schleifladen getauscht. Nur der Klang wurde unter Denkmalschutz gestellt.
Außerdem, und das ist das Wichtigste, wird hierbei eine tote Leiche über einen lebendigen Vorgang gestellt, der die weiteren Motive, nämlich dem Toten höchste Prioritäten zuzuerkennen, offenbart, während man alles Lebendige unter den Generalverdacht stellt, womöglich Widerspruch zu erheben, weswegen man es erst gar nicht erwähnt.
Das ist übrigens typische Organolenpraxis: wieviel vertrockneter Totenkult wurde in den vergangenen fünfzig Jahren im ARS ORGANI aufbereitet und mit Weihrauchdämpfen aufs Orgelvolk geschüttet, so dass man sich nicht wundert über unsere heutige Jugend, die Orgel direkt mit Verwesung assoziiert. (als wissbegieriger Europäer, dem es ermöglicht wurde den ägyptischen Totenkult etwas studieren zu können, kann ich nur sagen, dass wir in Bezug zu den Ägyptern mit unserem Christentum, das mit Sicherheit in Rom den Glanzpunkt aller Totenkulte erstritten hat, weit vorraus sind in der Bevorzugung des Todes vor dem Leben. Man denke nur an die tausenden von Selbstmorden während der Nazizeit in Deutschland auf seiten des Militärs und der verantwortlichen Nazis, die doch der Meinung waren, gerade von der Lebensphilosophie Nietzsches partizipiert zu haben. Und doch war der ganze europäische Faschismus eine Blut-Boden-Totenkult Attitüde.) (apropos Christentum: welches Christentum sei da gemeint, frage ich immer wieder, das Frühchristentum oder die ersten christlichen römischen Kaiser, das Karls des Großen oder der Kreuzfahrer, das der Gotiker, der Scholastiker, der Reformation Luthers oder das der Christen vor der Reichsgründung - und nun der heutigen Christen, die alle je nach Konfession für den mittelalterlichen Menschen eine völlig eigene Religionsform darstellen würden. Also was ist die Wahrheit?)
Man kann, um das Thema “Wikipedia” abzuschließen, solches Halbwissen als durchaus zeitgemäße Erscheinung apostrophieren. Man sehe nur das J&B Forum mit seiner am unwesentlichem Detail festgefressener Verbiesterung durch, oder “organ”, die Zeitschrift, in der Fachliches über Orgel in einem fragmentarischen Comedystyle wieder gegeben wird, wobei man nicht weiß ob zur Belustigung oder aus tatsächlicher Ahnungslosigkeit. Wobei man sich eben klar sein soll, dass “Gespräche über Orgel” doch immer irgendwie beim heutigen Publikum unter Verdacht stehen, als “flöge Einer übers Kuckucksnest”.
Ich habe in den vergangenen Wochen intensiven Kontakt zu einem Orgelforscher ganz anderen Kalibers gehabt, der seit Jahren an einer hochinteressante Arbeit über Eberhard Friedrich Walcker arbeitet. Hier sprüht das Lebendige des alten Meisters über den Forscher wie ein Feuerwerk empor in eine geistige Atmosphäre, die lichtbringende Wahrheit sein kann.Tief ins Leben dieses Meisters Einblicke zu nehmen wird bei Deutung solcher Forscher unmittelbar erfahrbar, jedes Detail wird mehrfach und anhand unterschiedlichen Quellen analysiert und verglichen, bevor es je das Licht der Dokumentierung erblickt. Solcherlei Forscher sind großartig mit dem Leben des Meister verwoben und das Erarbeiten eines Gesamtzusammenhanges wird intentional erfasst. Aber es wird dabei auch gefühlt, dass das eine und das andere Extrem sehr nahe beieinander liegen.
Man kann nur sicher sein auf der richtigen Seite, nämlich der des Lebens zu liegen, wenn man die eigene Person so ins Geschehen einbringen kann, indem ein grundlegendes Gefühl von Wahrsein eintritt. Das ist etwas, das nicht näher beschrieben werden kann, weil es bei jedem Menschen eine andere Wirkung hervorruft und vor allem bei jedem Individuum mit anderen Begriffen gesegnet ist. Ein Orgelkonzert ist immer näher am Leben als eine OrgelCD. Der unmittelbare Austausch im Gespräch mit einem Menschen ist immer näher dran als eine Email, SMS oder eine Abhandlung die abstrakt und im luftleeren Raum entstanden ist .
Die Erregung der Sinne über Fühlen, Riechen und dann in Verbindung mit Hören und Sehen ist jeder einseitigen Sinnerfahrung weit überlegen, weil der gesamte Mensch, wie in einem Kosmos eingebettet, beansprucht und erfüllt wird, während das einseitige Hören oder Sehen einer Digitalaufnahme mängelbehaftetes Erfahren ist. Da werden noch Generationen ins Land gehen, bevor man dieser Wahrheit auf die Schliche kommt, weil hier, in der digitalien Welt, manifestiert sich der künstlerische Schein rasch als Betrug (im Sinne von Wahrheit erfahren)

(gewalcker@t-online.de)

apropos gute und ehrliche Handarbeit bei vielen Wikipedia-Artikel werden hier überhaupt nicht kritisiert, sondern sehr geschätzt. Was hier kritisiert wird ist gewissermaßen ein Vergleich der Situation vor 120 Jahren, als man die besten Lexika für die besten Köpfe der Welt hatte, während heute das Niveau breit getreten ist und die breite Masse zweifellos tausend mal gebildeter ist als es jeder noch so gescheite Bauernlümmel vor hundert Jahren war. Aber die Spitzenlexika fehlen oder sind nur noch spezifiziert zu haben.

Michael Hampe - das vollkommene Leben - vier Meditationen über das Glück

September 6th, 2010

Ein wunderschönes und gutes Buch.
Mein Problem war, dass ich mich mit der ersten Meditation, die man kaum als solche auffassen kann, niemals werde anfreunden können. Sie ist überschrieben mit dem Titel “Wissenschaftlich-technischer Fortschritt als Abschaffung des Unglücks”. Also die Vermeidung des Unglücks ist der Weg zum Glück und dazu dient Technik und Wissenschaft. Die über 60seitige Begründung, warum man keine Metaphysik in heutiger Zeit mehr braucht, warum ein Tumor im Darm keine tiefere Bedeutung habe und nur mit Technik und Wissenschaft angegangen werden kann, oder darf, warum das Auslassen von Intensität dem Ziele hilft, Unglück zu vermeiden und am Schluss, wie man denn seine Begierden zu handhaben habe, all das wurde von mir zähneknirschend hinunter geschluckt, mit Fragezeichen bekrittelt und führte beinahe zum Abbruch meiner Leselust, bis dann das Glück der Seelenruhe im 3.Kapitel aufgefahren wurde, und das mich auch in einer recht schwierigen Lage hier in Rom in einen Zustand der Besonnenheit feinführen sollte.
Dies also war dann die zweite Meditation, in der man aufhört, die Menschheit verändern zu wollen. Da ist man in einem Zustand den man zuerst einmal als “gewonnenen” Zustand betrachtet. Nicht wie im ersten Fall, wo man beginnt, das Terrain zu sondieren für Umgrabearbeiten.
Die grundsätzliche Einstellung hier ist, die Seelenruhe zu erlangen, was bereits aufkeimendes oder gar gewonnenes Glück bezeichnet. Im Zustand der Seelenruhe, der bereits in der Antike und wahrscheinlich in Asien seit 5000 Jahren bekannte Ausgeglichenheit andeutete, sollte man frei von den billigen Affekten werden, mit denen unsere Marktwirtschaft nur so lumpenbeutelt.
Ich fühlte mich zu dieser Meditation sehr stark hingezogen, er ist wunderbar dargestellt, und ich bin mir sicher, hier noch sehr oft reinzuschauen und ihn wieder und wieder neu zu lesen.
Die dritte Meditation bestreitet mit dem Titel “Das Glück ist unmöglich, aber die Wahrheit ist schön” grundsätzlich, dass man in diesem Leben überhaupt Glück haben kann.
Ein Kernsatz hier ist, dass der Glaube an den technischen Fortschritt in der Kultur als Lösung aller Probleme unserer natürlichen Existenz durch die Phantasie einer Heilsgeschichte angetrieben wird, was ich direkt unterschreiben würde. Weiter geht der Weg hier, indem man andeutet, dass die Entwicklung der Menschheit und dann dem elementaren Rückschlag durch die Nazis, sogar ein historischer Beweis für Unmöglichkeit einer Heilsfindung durch den Menschen im Raum steht. Es wird nicht ausdrücklich gesagt.
Ein gut durchdachtes Argument scheint mir das hier von Hobbes ausgeführte zu sein: Das glückselige Schauen ist ein Leben ohne Bewegung, ein Leben, das keine Ressourcen verbraucht und deshalb kein Verlangen nach Ressourcen mehr kennt. Doch ein Leben ohne diese Bewegung ist ein Widerspruch in sich selbst.
Indem wir kultiviert werden bereits als Kinder, werden wir auf Ressourcenverbrauch hingeführt. Kaspar Hauser, der dieses Heranführen nicht kannte, empfand den Weg in die Welt nicht als Verbesserung seines Schicksals. Auch diese Einführung wird weiter mit den Belegen des 19.JH gefüttert, wo eine immer stärker werdende Disziplinierung in Europa zwangsläufig zum Krieg führt. Was heißt, die immer stärker werdende “ziellose” Kultivierung bringt nicht die Erlösung (das Glück), weil sie sinnlos ist.
Weitere Argumente liefern Nietzsche und Freud. Wobei dessen Abhandlung “Unbehagen der Kultur” zwei entscheidende Argumente liefert, die uns stark von Glücksvorstellungen der Menschen ableiten könnten. Es ist einmal der vorherrschende Aggressions- und Todestrieb des Menschen, der durch die Kultur abgeschwächt und entwaffnet wird. Auf heutige Verhältnisse umgedeutet, kann das bedeuten, die heutigen Menschen sind deswegen Pazifisten, weil sie viel zu verweichlicht geworden sind. Die ganze komplexe Widersprüchlichkeit unserer Affektenlebens wird hier ebenfalls gut zur Sprache gebracht. Und dabei Freud als Philosoph doch ganz passabel erscheinen zu lassen.
Ein Satz, den ich exakt aus dem Buch zitiere, weil er so geradlinig und klar ist, zeigt, um was es sich hier bei Freud außerdem dreht:
Eine Religion, in der imaginiert wird, dass durch ein personales Gegenüber die Wünsche des Einzelnen wie von sorgenden Eltern wahrgenommen und erfüllt werden, kompensiert also eigentlich die Gleichgültigkeit von Natur und Kultur gegenüber dem Einzelnen auf eine Weise, die Freud “regressiv” nennt: durch die Einblidung einer Rückkehrmöglichkeit in die kindliche Geborgenheit unter den aufmerksamen Augen der Eltern.
Es geht weiter in dieser Meditation mit schlagkräftigen Argumenten. Die Widersprüche des Menschen aushalten und am Ende dieses Kapitels noch an das Glück und an Glücksucher glauben, fällt schwer. Eher fällt es leicht, sich tiefer über Freud und andere Wahrheitssucher zu beugen, vielleicht Nietzsche, der das Glück ohnehin nur bei Kühen auf Wiesen zu finden gedachte.
Das es doch spät geworden ist, möchte ich rasch die vierte Meditation behandeln ” Intensität und Sicherheit als Bedingungen von Glückserfahrung”. Was versteht man eigentlich unter Glück?
Ein einziger Satz, den ich hier unterstrichen habe, war, dass in naturwissenschaftlichen Gesellschaften neue Erkenntnisse einem höheren Preis gezollt werden, als die Produktion von Gewissheiten. Man könnte auch sagen, dass es Gesellschaften gab, wo Ehre wichtiger war als langes Leben. Das heißt die Glücksvorstellungen variieren nicht nur ununterbrochen, sondern, sie sind in vielen Gruppen ganz unterschiedlicher Natur.
Wir haben es, um langsam diese Meditation über vier verschiedene Meditationen über das Glück abzuschliessen, mit Hampes Buch mit einer sehr feinfühligen und tiefergehenden Behandlung eines Stoffes zu tun, das viel weiter gehen will, als schlichte Weisheiten dort zu offenbaren.
Es gibt nur eine einzige Weisheit in dem Buch, die wie ein Rechnergebnis am Ende steht, wo die unterschiedlichen Ausgangspunkte, die natürlich auf unterschiedlichen Erfahrungen beruhen, unterschiedlichen Metalitäten etc., wo Hampe sagt, sie lassen sich nicht gegeneinander abgleichen, man kann sie nur hinnehmen und anmerken, dass hier Differenzen bestehen.. Und später: Das Aushalten von Differenzen, oder die Anerkennung von Differenz erst ermöglicht Glück! und ist eine Form der Friedfertigkeit (genial!!)
Die Unfähigkeit, Differenzen zu akzeptieren ist der erste Schritt ins Unglück. (Hat man je eine einfachere und klarere Kernaussage am Ende eines solch großartigen Buches gesehen? Ich nicht.)
Das hat mich einen Tag lang beschäftigt und mir eine große, fast befreiende Erkenntnis vermacht, die ich kaum in Worten auszutragen in der Lage bin.
Dieses Nachwort von Michael Hampe in genanntem Buch, manch einer hat ihm abgeraten das zu schreiben, ist ein ganz gewaltiges und großes Stück Philosophie, wie man es sich wünscht.

gewalcker@t-online.de