Unterwegs nach Heideggen

Eine Insel finden inmitten eines plastikverseuchten Ozeans. Land nur noch vorstellbar in Form von Wüsten.
Hier seine Bücher aufschlagen. Vorurteilsfrei einer Sprache folgen, die mit jedem einzelnen Wort zur Deutung aufruft.

Wie bei Nietzsche ist auch Heideggers Philosophie eine Metaphysik die nach Interpreten und weiterführenden Denkern sucht. Keiner dieser Philosophen sucht Jünger oder fromme Nachbetgesellschaften.

Aus dem Tempel geflohene Götter wollen nicht mehr angebetet werden.

Es kann unerträglich werden Nietzsches "Antichrist" oder Heideggers "Schwarze Hefte" intensiv studieren zu müssen. Dennoch kann auch dieses Studium in einem größerem Zusammenhang, außerhalb der Kritik oder Dekonstruktion, wertvoll sein und neue Horizonte öffnen.

Unverständlich war für mich zunächst die Auseinandersetzung von Heidegger mit Ernst Jünger. Von Jüngers "Arbeiter" beeinflusst, schreibt Heidegger "Zu Ernst Jünger", in der Heidegger Gesamtausgabe eingegliedert, eine größere Abhandlung, mit der ich mich hier kurz auseinandersetzen möchte.
"Der Arbeiter" ist für Jünger, der dieses Buch 1932 schrieb, der Übermensch Nietzsches.

Im seinem Vorwort zu seinen Ausführungen zu Ernst Jünger sagt Heidegger etwas, das ich als großartige Anleitung zum Lesen empfunden habe. Von mir stark verkürzt klingt das etwa so:
Wenn wir zusammen in den Schriften lesen, wollen wir vermeiden ins Schulmäßige abzudriften oder gar ungebundene Unterhaltung über Öffentliches oder nur Zeitgemäßes zu schwatzen. Echtes Lesen kommt in die Nähe dessen, was nicht in den Büchern steht. Wichtiger als die Sauberkeit der Begriffe, ist, in die Erfahrung zu kommen, was da begriffen sein will. Der philosophische Begriff ist stets Inbegriff, sofern er den Denkenden einbegreift und dadurch angreift und sein Da-sein fordert. Deswegen glückt dieses Lesen nur, wenn wir aus größter Unmittelbarkeit fragen, Bedenken sagen, Antworten suchen. Im Zeitalter der rücksichtslosen öffentlichen Zurechtmachung wird uns die Einsicht schon leichter zufallen, dass Geschichte, Werk und Menschentum wesentlicher Art nur sein können aus der sich selbst nie kennenden Leidenschaft zur großen Stille des Seins.

Dieser letzte Satz ist doppelt zu unterstreichen, weil wir heute, über 70 Jahre nach dem Zusammenbruch der deutschen Infrastruktur, einer massiv gesteigerten Öffentlichkeit ausgeliefert sind. Unsere Fragen und Unsicherheiten in Sachen "Geschichte, Werk und Menschentum wesentlicher Art" werden heute durch Medien so drastisch deformiert, dass diese Rückbesinnung auf ein ursprüngliches Lesen, ein langsames Bedenken, sowie daraus resultierende Einsicht in "wesentlicher Art" kaum zu bewerkstelligen sind.

"Nihilismus und Ja-Sagen", wie passt diese Formel, die Heidegger bei Jünger zu finden glaubt, auf einen Menschen?
Dazu ist zu sagen, dass Nietzsche, der den Namen "Nihilismus" von Turgenjew bezog, unterschied zwischen dem passiven Nihilismus der Schwachen und dem aktiven des Starken.
Dem Starken ist es hundertmal wurscht, ob er sich wohl oder schlecht befindet, ihn interessiert, dass er ein Ziel hat: die große Leidenschaft, "der Wille zur Macht", zum Urgrund der Wirklichkeit. Im Unterschied zum Historismus, der von der Wirklichkeit wegsieht und alles erklärt und versteht, aber nichts anerkennt, der deshalb Nihilismus der Schwäche heißt.

Der aktive Nihilismus Nietzsches kennzeichnet die "heroische" Haltung, die "Ja" sagt zu dem, was ist – zum "Realen", zum Augenblick unserer Geschichte, ohne Rücksicht auf sich selbst. Diese Realität ist einer unausgesetzten, zergliedernden Sichtbarmachung zu unterwerfen, und, wie Heidegger weiter ausführt, widerspricht es nicht der Welt des Traumes und der Traumlandschaften. Denn so, wie die Metaphysik zum notwendigen Gegenspiel die Mystik hat, so gehört zum nihilistischen Realismus die Phantastik.

Heidegger führt nun eine These aus, die er schon mehrfach in anderen Schriften erwähnt hat:
Wenn aber in Nietzsches Metaphysik sich die abendländische Metaphysik überhaupt vollendet, und wenn die Metaphysik der Grund der abendländischen Geschichte ist, dann muss auch in der Metaphysik der Grund des schwachen und des starken Nihilismus erkannt werden.

Darin knüpft an eine weitere These, die nach zwei Weltkriegen und besonders heute nach 70 Jahren Frieden in Europa an Bedeutung gewinnt: Der heroische Realismus (der Wille zur Macht) knüpft an ein eigenartiges Verhältnis zur Verwüstung an.
Unter Verwüstung verstehen wir nicht die bloße Zerstörung des Vorhandenen, sondern die Untergrabung der Möglichkeiten (…)

Der Vorgang dieser metaphysisch verstandenen Verwüstung schließt ferner nicht aus, sondern im Gegenteil ein die Pflege und den Genuss überkommener Kultur.

Sehr leicht zu sehen aus der Perspektive eines Orgelbauers: akribische und minutiöse sich in wahnhaften Details verlierende Erhaltung historischer Instrumente, gepaart mit einem übersteigerten Bewahrungseifer und dagegen gesetzt gegenwärtige, technisch und klanglich totgeprügelte Instrumente, denen ein kalter Odem entspringt anstelle des warmen Atems seiner Gottessymbolik. Aber wo sollte auch die Wärme herkommen aus den Kreissägehallen dieser Musikinstrumentenindustrien?

Der Heroismus vor der Realität ist das endgültige Ja zu dem, was ist und zu dem, wie der Jasagende selbst ist – und nichts weiter.

"Der wirkliche Heroismus besteht darin, dass man nicht unter der Fahne der Aufopferung, Hingebung, Uneigennützigkeit kämpft, sondern gar nicht kämpft… " So bin ich, so will ich's – hol euch der Teufel!" Friedrich Nietzsche 1888 WM

Wir können heute ergänzen: Heroismus, das "Jasagen zum Unvermeidlichen" das sind meist die kleinen, scheinbar unbedeutenden Dinge die aus jedem Menschen einen Helden machen. Die Mutter die ihren behinderten Sohn pflegt, der Sohn, der solches tut mit seinem dementen Vater, der ihn einst verprügelte. Das Geradestehen des einfachen Menschen vor seiner Verfehlung, indem er die Verantwortung auf sich nimmt. Wie bewundernswürdig ist das Ausharren mancher Syrer mit ihren Kindern in ihrem verwundeten Land. Und welch ekelhafte Aufgeblasenheit müssen wir tagtäglich ansehen, von sogenannten Helden in Sport, Politik, Schauspielerei, die verwechselt werden mit echten Helden. Denn nur die, welche ihre eigene, individuelle Last tragen, ohne zu murren, sich ihrem Schicksal hingeben, ohne Trug, nur die haben verdient, dass man ihrem Beispiel folgt.

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American War

Wenn der müd gewordene Gaul der Apokalypse über die Wüsten des verbliebenen Nordamerikas gejagt wird, befinden wir uns mitten im Romangeschehen des Omar El Akkad. Sein Buch »American War«, ein utopischer Roman, der den Nihilismus zur finalen Religion erhebt, wird längst schon vergleichbar zu Philip Roths »Verschwörung gegen Amerika« oder Cormac McCarthys »Die Straße« gehandelt.

Mir gefällt die raue, derbe Sprache, die gut ins Deutsche übersetzt wurde. Die amerikanische Krankheit, der Puritanismus, der für kalte, blutleere Kleingeister steht, aber letztendlich für die Erschließung des riesigen Landes im 18. und 19. JH unabdingbar war, kommt hier deutlich zum Ausdruck.
Wer durch die Krankheit zur Vision gelangt und dabei unerreichbare Kräfte mobilisieren kann, der sollte nach Erreichen dieser Leistung sein Kranksein überdenken. Aber Denken, das geht aus mehreren meiner Blogs hervor, die nach Auswertung dutzender Amerikareisen hier entstanden sind, das ist des Amis letztes Tun.

(ich will hier nicht so weit gehen und tiefer auf Heidegger »Was heißt denken?« eingehen. Aber es scheint mir der Hinweis wichtig, dass nur diese Form des Denkens Zukunft verspricht und in gar keinem Fall die Auffassung richtig sein kann, »das wissenschaftliche Denken« würde irgendetwas berühren, das unserem Leben Sinn gibt. Denn Wissenschaft berührt eine Oberfläche unseres Seins, die im Gleichschritt mit der Technik, ohne die wir wahrscheinlich nicht mehr leben können, keinen wesentlichen Aspekt unseres Lebens bereichert. Bei Wissenschaft und Technik habe ich immer das Gefühl, man würde stundenlang über den Hammer philosophieren anstatt die Arbeit und das Werk Gegenstand der Dialektik werden zu lassen.)

Einem Irrtum aber scheint die Interpretation zu unterliegen, dass nun erst, seitdem ein in geistigen Dingen minimalistischer president sein Unwesen treibt, das Land, die Welt, einer Apokalypse gegenübersteht, der auch mit Moralismus nicht mehr entgegnet werden kann.

Nein, sage ich, nordamerikanische Gesellschaften waren immer schon vom Pesthauch des Rassismus durchweht und damit waren sie einer grundsätzlichen Verneinung ausgesetzt. Ein Widerspruch gegen den Rassismus wurde ganz allgemein als linksliberales Gespinst abgetan. Bei den Europäer, wo anstelle der dynamischen Wagenburgen der Bürger sich in steinernen Wehrburgen versichern konnte, durch einfaches Hochziehen der Zugbrücke konnte der Zugang der Wilden gekappt werden, da fanden andere Entwicklungen statt. Unser Rassismus war bis zum Auftreten der Naziproleten differenzierter. Es fanden besonders im 19. JH reichhaltige Diskussionen unter Intellektuellen statt, die dem rassistischen Geschwafel von Richard Wagner und Gefolge enge Grenzen steckten.

Bewundert habe ich die US-Amerikaner ihres kraftvollen Unternehmensgeistes wegen. Nichts anderes war die Wahl dieses »The Donald«. »Let’s have fun and let us vote for this idiot« muss der Wahlspruch der Trump-Sympathisanten gewesen sein. Anders wäre das nicht erfolgte Amtsenthebungsverfahren kaum zu verstehen.
Mich sollte es nicht wundern, wenn nach der Abwahl Trump’s über Pokémon Go ein president im White House installiert würde, den Besuchergruppen mit Pudding und faulen Eiern bewerfen dürfen, der Show wegen, die so unabdingbar zum Leben der Südstaatler gehört, wie der Eiswürfel zum Bier.
Das größte Geschenk also, dass allen liberalen Kräften in den USA gemacht werden konnte,das auch möglichst lange dampfen soll, das ist »The Donald«. Keiner wünscht sich mehr als diese linksliberale Presse in den Großstädten, dass die Show lange andauert.
Dieser Umstand scheint mir das Problem der USA zu sein, dass sich alle Kräfte in den USA nun verwundert die Augen reiben, weil man sich mit »The Donald« bestens arrangiert hat.

Der ursprüngliche Bürgerkrieg zwischen dem Kapitalismus im Norden gegen die Landwirtschaft im Süden hat sich weiterentwickelt zu einem »Krieg« der schlechtweggekommenen Rostgürtler gegen die kapitalgierigen Gesellschaften der Städte. Dabei sind den Bauern im Süden, die sie immer geblieben sind, die Umgangsformen völlig wurscht. Wenn Leute wie Scaramucci von den »Schwanzlutschern« der eigenen Administration an die Presse fabulieren, dann ist das die Sprache der 8.Bauerngenerationen an den Stammtischen in Ohio oder Wisconsin. Blanke Verwunderung würde man dort erfahren, solche Begriffe zu kritisieren.
Was sollen wir diese heile Welt der USA, bei denen sich »Südstaatler« mit den »Nordstaatlern« geeinigt haben auf »The Donald«, in Frage stellen oder Vorbehalte in die Luft blasen?. Ihn gewähren zu lassen im Füttern der Komiksender, der Zufuhr an Lügen zur Washington Post, seine Arbeit an der virtuellen Mexikomauer, der Abschaffung von Obamacare mit markigem Wortschatz, nun mit Unterstützung durch Scaramucci, scheint die einzige Lösung zu sein. Es befriedet beide Instanzen. Die USA sind wieder vereint durch die Trennung. Die Motive zur Lösung der Probleme jedoch sind im Nebel der Virtualität verschwunden.

Die Gefahr ist, wenn es gefährlich wird. Das kann in Korea passieren, im Nahen Osten, oder wenn Trump als Bandit, der er ist, von einem Mueller überführt wird. Dann wird die Lachnummer des »The Donald« zur Apokalypse, aber das nicht nur für die USA.

gwm

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In Zeiten der Pappel, wenn Regen erwartet wird

Der Staub, die Hitze, der Dunst, Trockenheit. Mit einer müden Zunge das Geplapper der Unnötigen anhören müssen und auf Regen warten.
Die Pappeln strecken die fingrigen Äste aus nach den Stimmen der Boten, der Götter. Man hört etwas, ein Geräusch vielleicht, ein seltsamer Ton und geht mit Pappelholzschuhen über die gefrorenen Seen, deren Erinnerung uns peinlich zu werden scheint, eine Erinnerung an den längst vergangene Sommer.
Der Regen der kommen wird, er wird wieder abertausende von flachen, hohlen Fützen schaffen, Frauengestalten der Extraordinären (die aus den ü’s eben o’s gemacht haben). Das ist brachiale Sprachgestaltung der underclass, so wie sie aus „Trampel“ „Trump“ optimiert haben.
Wir warteten auf diesen Regen mit zerkauten Fingernägeln. Wir waren hungrig und müde. Wir wollten aufgehen in dieser Welt und dann kam er, der Regen, blass und dünn zuerst. Dann lautes Lachen, zynische und breite Wasserstrahlen. Sackweise wurden Wassermassen heruntergeschleudert. Die Pfützenwelt, die Flachheit brach sich Bahn. Alle Götterbotenstimmen versandeten. Die im Traum zugerufene Warnung: „vermeidet flache Wasser!“ kam nie in die oberen Stockwerke des Bewusstseins an. Dafür das Rauschen der Wassermassen und damit das endlose Urinieren ins Bett allgemeiner Wohlgefühltheit mit Vertrautheiten selbst ungewöhnlichster Fremdheit.
Der antidemon der flachen Pfützen ist der Teufel. Er kommt aus tiefster Teufe (altdeutsch: Tiefe). Mich sollte es nicht wundern, wenn der Begriff der Taufe aus gleichnamigem Wortstamm herausgewachsen ist.
Wer einmal ein ihm von Anfang an völlig unzugängliches Kunstbild entschlüsselt hat, ohne Hilfe von außen, der weiß, dass Tiefe nur im eigenen Selbst geschöpft werden kann. Nie aber in einer Zwiesprache mit Dir da draußen. Die Wahrheit hingegen braucht das Du, die Teufe benötigt den weitesten Abstand vom Du. Das mag ein Grund sein, warum die Priesterkaste im Mittelalter den Teufel verteufelte.
Die Kirche braucht die Gemeinschaft. Der Künstler, der Denker, der Dichter, sie müssen tief in sich hineinhören und dabei hören sie oft ihren gemeinsten Bruder böse, verbrecherische Dinge sagen. Am Ende glauben sie gar ihr „Gewissen“ habe mitgeredet. Doch das Wissen ist nicht tief. Wissen ist flach. (Eine Ausnahme sei vielleicht die „Fröhliche Wissenschaften eines F.N.“, das könnte ein in der Teufe gemengter Stoff sein). Tiefe und Wissen miteinander zu verwechseln, haben sich die Schulen und Universitäten zur Aufgabe gemacht, um ihre Existenz nicht aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich ist Tiefe nichts, das gelehrt oder gelernt werden kann. Aber Tatsache ist auch, dass kaum ein Mensch bekannt ist, der unwissend Tiefe erlangt hat.
Es gab blinde Seher, Weise wie Diogenes, Gebildete wie Faust, die wir allesamt als tiefe Gestalten verifizieren können. Vielleicht sind das nur Symbole, die uns unsere Grenzen und gleichzeitig unsere Möglichkeiten aufzeigen. Sicher ist, dass nach dem Regen, in Zuständen der reinen und flachen Pfützen, die Rede belanglos und dünn daher kommt. Es gibt nur sehr wenige Redner, die eine Geschichte erzählen können, auf die meine Fantasie begierig ist und in eigener Initiative loslegt, eigene, seltsame aber auch tiefe Geschichten zu spinnen. So wie man eben ein Kunstwerk ins Eigene übersetzt und damit selbst schafft. Die eigene Definition solch eines Kunstwerkes ist wichtiger als die des Künstlers oder schlimmer noch irgendeines Kunstästheten, der seinen oftmals völlig verbrauchten Ästhetizismus zum Konsum anbietet.
Ein ganz besonders gutes Beispiel der Gegenwart stellt für mich Botho Strauß dar mit seinem Buch „Onoritti“.
Verdammt, was lieb ich dieses Buch. Und was gibt es mir an Feuer und stiller Beschaulichkeit. Ums Verrecken will ich keine Erläuterung und „Klärung“ von irgendeinem Pfützchen hören, wie das oder jenes zu lesen sei. Nein, das Gebirge, die Landschaften, die Pappeln und den endlichen Regen, ich will ihn selbst und alleine schaffen. Ich will auf Wanderschaft gehen, ich liebe alles Fremde, wenn es in mir gegart ist und hochdampft zu einem mir noch völlig unbekanntem Gotte, mag er schwarz oder Chinese sein.
Die Pfützen sollen ihre Pfützbookstories haben, ihren Alltag, ihre Belanglosigkeit, ihre festgezurrte Langeweile in Form bringen.
Aber lasst mir meine Pappeln vor dem Regen.
gewalcker@t-online.de

aus meinem Bunstiftkalender 2017 „Schlange & Adler“ Skizzenbuch gwm 2017
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Ent-Schuld-igung, ein großes Versehen

Manchmal erhalte ich eine Nachricht, die mir andeutet, dass der Begriff „Entschuldigung“ , der unseren Blog mit betitelt nicht ganz richtig gedeutet wird. Denn es ist ja klar, dass damit ein Heraustreten aus der „Schuld“ gemeint ist. Indem ich mich „entschuldige“ möchte ich meine „Schuld“ beseitigen, vergessen machen.
Doch was bedeutet überhaupt „Schuld“?
Lassen wir das ganze komplexe Vokabular der Juristen einmal beiseite und untersuchen dieses Wort „schuldig“ einfach spekulativ.
Kein Mensch kann etwas dafür, dass er geboren wird noch unter welchen Umständen er auf diese Welt kommt. Das heißt die grundsätzlichen Ursachen, die bewirken, dass er irgendwann einmal „schuldig“ wird, liegen nicht in seinem Einflussbereich. Ob er oder sie mit dunkler Haut, mit welchem Körperbau auch immer oder mit welchen charakterlichen Dispositionen dieser Mensch den Lebensweg antritt, er hat keinerlei Einfluss darauf. Dazu kommen noch die sozialen, länderspezifischen Einflüsse und die der Eltern, das Nachbarhaus, die ersten Freunde, die Zeit, in die man hineingeboren wird.
Diese Einflüsse oder Einwirkungen auf den Frischgeborenen sind so riesengroß, dass sogar die mit völliger Unschuld erworbenen Prädispositionen an Körper und Charakter beinahe gleichgültig werden. Wir können nur konstatieren: die Ausgangssituation ist reine Unschuld.
Nun, wodurch erwirbt sich der Mensch dann die Schuld? Wenn wir die Natur betrachten, werden wir irgendwann feststellen, dass dort der Begriff Schuld nicht angewendet werden kann, weil zur Schuld die Einsicht gehört schuldig geworden zu sein. Und das geht nur über die Vernunft, die dem Menschen eigen ist.
Der „kategorische Imperativ“ des Immanuel Kant ist diese praktische Vernunft, die dem Menschen das Abwägen im Großen und Kleinen erlaubt, sein Gewissen, sein Vermögen Harmonie anzustreben, sein in dieser völligen Unschuld mitgegebener Maßstab „richtig zu handeln“. Mit diesem Kompass, so dachte man in Zeiten der Aufklärung, sei es doch klar und einfach durch die Dunkelheit des Daseins die glückseligen Inseln anzuschippern.
Doch auch jener Immanuel Kant, der den Deutschen das Denken und vor allem das Fürchten vor seinen grausamen Wortschöpfungen gelehrt hat, sagte vom Menschen, dass er „radikal böse sei“!
Woher kommt nun diese Schuld, radikal, also von der Wurzel her, böse zu sein, wenn das total unschuldige Kind das Land betritt mit Taschenlampe und Kompass „Vernunft“ im Gepäck?
Sind es die Triebe, die wie eine Horde wildgewordener Hunde in jedem Menschen ihr Unwesen treiben und die nur mit eiserner Disziplin gebändigt werden? Oder sind es die „Emotionen“ die wiederum Triebe auslösen oder von Trieben ausgelöst werden? Oder ist es gar so, dass wir Menschen, jeder für sich ganz individuell in einem Meer aus Chaos vor sich hintreibt, in der Einbildung unser Verstand würde alles dieses Chaos im Griff haben. Ein Korken der auf einem wildgewordenem Ozean, von den Sturmfluten hin-und hergerissen, meint, er habe diesen Ozean voll im Griff.
Das Ich (der Korken) und das Es (das Meer) das uns dann nach dem 19 Jahrhundert, welches zum Ende hin die Vorstellung von „eiserner Disziplin“ bis auf die Spitze trieb und was nach heutiger Vorstellung im deutschsprachigen Raum zum Faschismus geführt hat, wurde von der Freud’schen Psychoanalyse im Wesentlichen festgemacht im Haupttäter „Es=Sexualtrieb“. Wobei wir wieder am Anfang wären, denn schon die Religionen haben diesen Gauner als den Hauptverbrecher wirksam in allen Menschen ausgemacht.
Natürlich übersieht eine solche einfach zurecht gezurrte Triebbehandlung völlig, dass der Mensch der ohne Triebe wäre, wie ein Fahrzeug ohne Motor, ohne Antrieb eben.
Die Vernunft ist wie die gesamte Natur selbst ein Korrektursystem, das auf Ausgleich bedacht ist. Vom Verstand her sind wir Menschen meist nicht in der Lage dies ad hoc zu erkennen. Jedoch weiß jeder Drogensüchtige, der sich den Himmel ins Zimmer holt, dass die Natur diesen Zustand egalisiert und jeder der seine Triebe ungezügelt springen lässt, weiß ebenso, dass er dafür mit Gewissensbissen (dem Zurechtrücken der Vernunft) und schlaflosen Nächten bezahlen muss.
Meine Feststellung ist, dass die eigene Schuld, wie immer dieses Konstrukt aussehen mag, denn mehr als eine Konstruktion ist es nicht, kann von mir und vor mir selbst nicht entschuldigt werden – denn das wäre nicht nur ein Zirkelschluss sondern es würde mich hinausheben in einen Raum über allen anderen. Aber ich kann die Schuld anderer relativieren, indem ich sage: Du bist nicht schuld!“ und diesem Anderen damit Beistand gewähren (ohne das ganze Klimborium der Katholiken, die auf die Psychologie der Beichte hinweisen).
Ich glaube sogar, dass solche Handlungsweise dem Begriff des „Nächsten“, den ein völlig missverstandener Prediger vor 2016 Jahren in den Mund nahm, am nächsten kommt.
Das also verstehe ich unter „Ent-Schuld-igung“.

gewalcker@t-online.de 16.10.16 in Schottland

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Der große Pan schweigt

Ist Orgelmusik ohne Metaphysik denkbar?
Die verunglückte Ästhetik des Cameron Carpenter.

Zwei Erscheinungen der letzten Tage geben mir Anlass über die Stimme des großen Pan ein paar Gedanken zu verlieren. Es sind eigentlich Zeiten, in denen man lieber schweigen sollte. Nämlich dann, wenn „barbarisches Stimmengewirr“ herrscht, ist das leise Selbstgespräch zu führen, auch auf die Gefahr hin, das man abgeführt wird.
Die Griechen waren die Hintersinnigsten, wenn es um Mythologie ging. Hier schufen sie Erhabenes.
Hier räumten sie Pan eine besondere Stellung ein, dem Gott des Waldes und der Natur.

Wir Orgelbauer wissen natürlich, dass die Panflöte umgestülpt und mit verlängerten Fingern (Mechanik) sowie extra breiter Zufuhr des göttlichen Atems (Wind) unsere Orgel ergibt.
Der Gott der Musik, des Tanzes und der Fröhlichkeit konnte aber auch umschlagen und panischen Schrecken auslösen wenn seine heilige Mittagsstunde gestört wurde. Und hier sind wir bereits beim Thema.

Nur der Mensch ist in der Lage die Ruhe der Natur und des Waldes zu stören. Und er tut dies seit der Industrialisierung in ungeheuren Maßen. Die Panik, die darauf folgt, äußerst sich heute wie vor 2000 Jahren in Endzeitstimmung, Auflösung, Apokalypse. Das Ohr, das Organ der Angst, wird überstülpt mit Kopfhörer, mit Technik, um dieser Angst nicht gewahr zu werden. „Lass bloss die Glotze laufen, sonst werd ich noch irr.“
Der große Gott Pan, schweigend steht er da, den ewig angehaltenen Ton, den nur die Orgel erzeugen kann, als Drohung in der Hinterhand, oder wie ihn die spätere römische Antike mit Ovid und Plutarch darstellen wollte in der Formel „der große Pan ist tot“, auch als Drohung gedacht, das soll mein Eingangsbild sein zu der nachstehenden Kritik an gegenwärtigen Tendenzen.

So erläutert der Philosoph Peter Sloterdijk in „Der ästhetische Imperativ“ in dem Kapitel „Wo sind wir, wenn wir Musik hören?“, dass der Mensch in seiner ersten Wahrnehmung von Welt nur das Ohr zur Verfügung hat. Er hört den Herzschlag der Mutter bevor er die Welt sieht. Die beiden Zustände „Hören“ und „Sehen“ sind die grundsätzlichen Erfahrungen die der Mensch an sich wahrnimmt. Beim Sehen haben wir die Welt vor uns (Subjekt-Objekt), beim Hören sind wir unmittelbar involviert in der Welterfahrung, wir sind mittendrin, Teil des Spektakels. Das räumliche Gegenüber der Sehwelt, die ursächlich für die Trennung von Welt und Subjekt ist, entfällt. Der Mensch wird im Hören Teil der Gottheit, der Ganzheit. Mit dem Auge steht er immer vor einem Teil der Welt, vor einer Landschaft, vor einem Bild.

Seit Sokrates haben wir eine Metaphysik die der Augen-Ontologie unterliegt, während Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche „das in der Welt-Sein“ als akustisches Grundphänomen erkannt haben. Erkennbar auch an dem: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ von Friedrich Nietzsche.
Der griechische „blinde Seher“ Teiresias (zu finden u.a. in der Ödipus-Tragödie) wäre eine Figur die neben ihrer magischen Ausstrahlung tief in einer Klangwelt verortet war, mit der Auffassung: alles Wesentliche hört man. Oder wie oben bereits angedeutet: Gott hört man, man sieht ihn nie! Licht ins Dunkel zu bringen war seine Aufgabe, und das konnte er nur dank seiner Ohren.

Diese Voraussetzungen der Hörwelt ans „Wahre“ zu rütteln, und nun sind wir wieder bei der Orgel, war der Grund, dass um 1380 die Orgel Zugang zu den Kirchen schaffte. Man stelle sich nur mal einen Halberstädter Bauer vor, der wie gewohnt eines Sonntags in die Kirche kam und er urplötzlich einen stehenden Dauerton von der Westempore zu hören bekam. Wie muss dieser Mensch in panischen Schrecken verfallen sein, als er diese „Stimme Gottes“ vernahm, die er unmittelbar zu verstehen verstand. Alle Sünden wurden ihm schlagartig bewusst, der Glaube am Ende verfestigte sich, da er mit Gott einig sein konnte, er hat ihn deutlich genug gehört.
Die mittelalterliche Priesterkaste wusste sehr wohl diese symbolische Stimme Gottes zu vermarkten. Die kirchenmusikalische Entwicklung von hier an bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs gibt genügend Aufschluss darüber, wie formbar die Stimme der Ewigkeit mit dem lux aeternita harmonierte. Noch Max Reger konnte den panischen Schrecken, der ihn ereilte im Jahr 1903 in großartigster Weise in der Symphonischen Phantasie und Fuge d-Moll op. 57 („Inferno-Phantasie“) in Musik fassen.

Sloterdijk erwähnt in seinem oben erwähnten Buch:“(…)man kann nicht vom Hören allein auf wache Innigkeit schließen“ und repetiert seine Frage „wo wir denn sind, wenn wir Musik hören“ . Mein Schluss zu diesem Thema ist, ohne Hören keine Erfahrung der Innigkeit und Seele zu denken kann man nur im Hören. Während das „wo“ eine räumliche Orientierungsfrage ist, die vom Verstand und damit vom Auge gelöst werden muss. Raum ist eine Frage an das Auge, Zeit eine an das Ohr. Seele ist in der Zeit. 20 Milliarden Jahre fallen zusammen in einem Bruchteil einer Sekunde, wenn der Körper tot ist und die Sinne keine Zeit mehr verarbeiten können.
Diese zuvor geführten metaphysischen Spekulationen, vielleicht ist es längst durchgekauter alte Nudelsalat, sind jedenfalls Voraussetzungen , die nachfolgenden Kritik etwas besser zu verstehen.

Die Musikwissenschaft hat zwischen E(ernster) und U(Unterhaltungs) Musik unterschieden, was zweifellos eine seltsame Differenzierung war. Nicht nur die Randbereiche, auch grundsätzliche Musiken wären damit einer Zugehörigkeit verdammt, die weder Komponist noch ausübende Musiker sich je gewünscht hätten. Auch die Auflockerungsübungen der Musikästhetik, die nun die Zwecke dieser Musiken genauer untersucht und dabei differenziert, halte ich für ungeeignet. In einem Punkt allerdings kommt man zurecht, wenn die Motive der Musikerzeuger unter die Lupe genommen werden. So sind ja die Zwecke der Unterhaltungsmusikindustrie rein geschäftlicher Natur, und das beste business ist und bleibt der offene oder unterschwellige Sex, angereichert mit rosaschwülen warmen Akkorden. Dasselbe gilt von der Filmmusik, welche die Optik untermalt. Unterhaltungsmusik soll vor Neuem bewahren, bringt gängige einfältige Lieder in altbekannter Konstruktion, die Kaufhausmusik soll zum Konsumieren animieren. Auch Kirchenmusik heutiger Zeiten kann so gehandhabt werden, dass das Neue außen vor bleibt und irgendwo seichte „aeternita“ mitschwingt.

Tatsächlich authentische Musik können wir nur noch in Form von „Donaueschingen“ oder unter fachbegrenzten Musikern der alten Musiken finden. Aber auch in extremen Formen bei Heavy Metal und vielleicht bei Punk, wo das Leben einzelner Hörer oder Musiker diesen Musiken untergeordnet wird, scheint tiefgängigeres Hören anzustreben. Der Hörer, der nicht musiziert, der sich nicht mit seinem ganzen Leben solchen Musiken unterwirft gerät in die Gefahr zum Halbling zu werden, der auf irgendwelchen Altären von Wirtschaftsunternehmen geopfert wird. Dieser Hörer, und ich würde sagen, es handelt sich um 95% aller Musikkonsumenten, er ist der Optiker, der manchmal hört, meist nie tief genug reinhört und selten mal über sein Ohr nachdenkt. Über diese Scheinhörer reden wir hier nicht, sondern ich möchte hier über den tief in einer Art Vorgeburt verankerten Hörer reden, der das Herz der Großen Mutter schlagen hört und damit die Welt des Pan und seine Natur ursprünglich wahrnimmt. Musik muss transzendente Räume betreten wollen, für Bequemlichkeiten haben wir kein Organ außer unsere Faulheit.

Lassen Sie mich nun zum zweiten Teil meines Blogs kommen, der die gegenwärtige Praxis von Kunst, Kultur und dem Verschwinden von Religion am Beispiel des Virtuosen Cameron Carpenter kommentiert.
Musik, dies habe ich im vorausgegangen Teil versucht anzudeuten, zeigt andere Wege zur Welterkenntnis. Wir sind im Hören näher der Transzendenz als im Sehen. Wir erspüren beim Musikhören Horizonte, die uns Höheres erahnen lassen. Hören ist also unmittelbarer mit Religion verwoben als das Sehen. Aber auch der unreligiöse Mensch kann die hier besprochene Transzendenz erfahren wenn er nur will und wenn er sich von der Oberfläche der oben geschilderten zweckhaften Effektenmusik fernhält.

Der Verlust von Religion wird in unserer unmittelbaren Gegenwart mit Technik aufgefüllt. Technik wird sozusagen Neue Religion. Die Priesterkaste des Mittelalters wird heute durch die Maschine repräsentiert. Das, was die Maschine sagt ist gültig. Die Magie der Welt schrumpelt zusammen auf Smartphone, Tablet, Laptop, deren Zauber verhüllt ist durch den Schleier des Ingenieurs und Informatikers.
Der normale User hat keine Ahnung wie das Zeug funktioniert und freut sich diebisch, wenn er mal bei einem iPhone die Batterie wechseln konnte. Dieses mittelaltere Unwissen führt zum Glauben. Zum Glauben an die Technik und an den Techniker der an die Stelle Gottes tritt. Die Magie der Technik überwältigt uns.

Ein Interview abgedruckt in der Süddeutschen Zeitung mit dem „Genie“ Cameron Carpenter, das allerdings beim zweiten und dritten Durchlesen eher an ein sadomasochistisches Unterwerfungsritual ausartete, indem die aus Halle stammende Studentin Juliane Liebert sich einem als Mephistofeles gebärdenden Helden an die Brust warf, ihn befragt und zärtlich jede noch so unbedeutende Phrase ihres Helden ins Gedruckte transferierte, zeigt summa summarum die belangloseste Oberfläche und Flachköpfigkeit, die ich so noch nicht von Carpenter gehört und erwartet hätte. Im Endeffekt haben wir den muskelbepackten Sportmusiker vor uns, der von seiner narzistischen Hochglanzeitelkeit derart verblendet ist, dass er in der Tat Musikdarstellung mit einer olympischen Disziplin verwechselt. Und das wird selbstverständlich von seinem Hörerpublikum, das Informationen aus Facebook und der daily soup bezieht, das völlig gleichberechtigt die „Spiele“ im Zweiten neben einer CD „All you need is Bach“ en passent konsumiert, auf allerniedrigstem geistigen und kulturellem Niveau herabgesetzt. Schade auch, dass der unselige Beitrag von Frau Liebert nicht von Lektoren der SZ gegengelesen wurde.
Wie Sie richtig aus diesen Zeilen herauslesen, habe ich kein großes Interesse bekommen, diesen Bach des Cameron Carpenter auf meine Ohren loszulassen.
Zunächst spielt es keine Rolle ob die Darstellung dieser Musik durch höchstem technischen Drill und Disziplin geschieht wie wir das in der Orgelmusik bisher nicht gehört haben. Wichtig ist zunächst allein die Motivation mit der Musik gemacht wird. Wollen wir einer von äußerer Selbstbespiegelung getriebener Plastikfratze huldigen, die zwei Stunden Zeit fürs Makeup und Haartracht vor dem Konzert verbringt, oder sind wir auch in der Lage die Metaphysik eines bairischen Hinterwaldorglers zu erkennen, dessen Technik zum Himmel schreit uns aber in einen Zustand der Beseeltheit verbringen kann. Ich werde nie vergessen, als ich bei einer Orgeltagung in Bologna, die vorgegebenen Wege verließ und in einer Seitenstraße eine kleine Kapelle entdeckte, wo die Orgel (völlig verstimmt) ertönte. Aber in der Kirche, in der ich alleine saß, ein Zauber empor stieg, der mich bis heute, über 40 Jahre nach dem Geschehen immer wieder erinnern lässt.

Hier bei Carpenter also genau das Gegenteil von solch einem Sprung ins Unerwartete, da wird die werbetechnisch aufgemotzte Form grotesk übersteigert, man will verkaufen und ist ausschließlich an Kaufstatistik interessiert. Hier haben wir blanken Unterhaltungspop mit dem Markenzeichen „Bach“. Wirklichkeit wird festgemacht an harten Verkaufszahlen. Was interessiert hochgedampfter Weihrauch vor einer ausgebluteten Religion.
Im Interview verweist Carpenter auf seine „Orgel“, die in Wahrheit eine Imitation einer Orgel darstellt, die das „Genie“ darstellt und ist dabei genau dort, wo wir die Zukunft der Musik angesiedelt glauben. Der Computer wird irgendwann seinen Meister übertrumpfen an Schnelligkeit und Trillerwirbel. Er wird irgendwann Carpenter auf den Platz des herausgeputzten Affen verweisen, der nur noch wegen seiner Frisur, seiner Orgelstiefel und Extravaganzen am Spieltisch sitzen bleiben darf.

Was aber unterscheidet die Orgel von ihrer Imitation, der elektronischen Klanggestaltung?
Zunächst einmal ist der Naturtonklang mit einer Masse an Faktoren behaftet, die kaum über einen Lautsprecher wieder gegeben werden können. Es handelt sich nicht nur um die Geräusche, Teiltöne, Frequenzumfang Raumverschiebungen der diversen Pfeifen, um die Dynamik die ein solches Heer an Pfeifen durch die Atmosphäre des Raumes, des Klimas und anderen Faktoren verändern. Der entscheidende Grund für die nicht zu überbietbare Klanggestalt aller Naturtoninstrumente und im Besonderen der Orgel ist ihre Individualität die mit der Aura der Umgebung zusammenhängen. Außerdem kommt hinzu, dass wir bis heute nicht wissen und keine Wissenschaft der Welt wird es je auf den Punkt bringen, warum Instrumente im Alter an Klangreichtum gewinnen. Also wie ändert sich die Materie bei Instrumente die lange und gut gespielt werden.

Es ist klar, dass ein von seinen Eitelkeiten angetriebener (und auch von großer Masse akzeptierter) Künstler wie Carpenter sich mit diesen Dingen nicht beschäftigen kann, weil sie nicht in seinem Machtbereich liegen.
Mein wesentlicher Kritikpunkt aber ist nicht die Person Cameron Carpenter, der wie jeder Star seine Allüren haben mag. Meine Kritik gilt der Überantwortung der menschlichen Werte an die Technik. Dabei unterscheide ich nicht die Technik, die der Mensch selbst beherrscht indem er Sport oder spritzige Musikdarstellung beherrscht oder ob Technik an die Maschine delegiert wird.

Ursprünglich deuteten die Vorsokratiker den Begriff techne als Handwerkerkönnen. Der Begriff hat sich über die Jahrhunderte verändert. Heute zu Zeiten der Spezialisten kann man selbst in kleinsten Handwerkbetrieben diesen Begriff nicht mehr in unschuldiger Form anwenden. (…der hier macht die Holzarbeiten, jener Lötet, dort wird Zungenintonation und hier werden die Labialen abgehandelt, im Büro haben wir einen Zeichner, einen Kalkulator, einen der die Verträge unterzeichnet, ja und dann haben wir noch unser Montage und Wartungsteam etc…)
Technik schleppt im Gefolge immer ihren Mühlstein hinterher, oft erst nach Jahrzehnten erkennt man, dass der Nachteil den Vorteil überwiegt. Das schöne Beispiel von den Atomkraftwerken, die uns 30-40 Jahre großartige Dienste leistet und in der Folge dann Millionen Jahre ihre tödlichen Strahlen abgeben, ist wohl das krasseste Beispiel für troglodytische Handlungsweisen.

Bei der Kunst sind grundsätzliche Handwerkertechniken notwendig, wird das Maß aber überschritten gerät das Kunstobjekt in eine Form von Sterilität, wie wir das zum Beispiel bei total durchintonierten neuen Orgeln immer wieder hören können. Bei durchtrainierten Virtuosen kommt rasch der Anschein der Gefühlskälte auf.
Die Delegation der Verantwortung an den Computer nimmt den Menschen nicht aus der Pflicht Sorge zu tragen. Dafür aber entstehen neue Ängste dank der Undurchsichtigkeiten die Computer per se zu besitzen scheinen.
Ich rede hier nur von Kunst und Kultur. Man sehe sich den Müll an Bilderfluten an verursacht durch Photoshop gestylte Grafiken, die manch einer als „Kunst“ zu titulieren wagt und es gehen schlagartig die Lichter auf, wie verdorben wir bereits durch tausende vorgeschaltete Filter in Musik- und Bildkunst sind und was unsere Enkel und Urenkel erwartet.

Dagegen will ich Einspruch einlegen.

gewalcker@t-online (aus Kingussie)
(sorry, dass es so lange geworden ist, aber wir Orgelbauer leiden an der Langeweile…)

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Das Finstere Tal

oder lus primae noctis – das Recht der ersten Nacht (das dem Feudalherren zustand. Vor der Heirat soll dem adligen Herren die erste Nacht mit der Braut zugestanden sein. Ein historisches Detail, das sehr umstritten ist. Man vermutet heutzutage eher, dass diese „Gepflogenheit“ feudalen oder mittelalterlichen Rechts von der Aufklärung deswegen thematisiert wurde, weil es die erotischen Fantasien anfeuerte, die man gut fürs „Revolutionieren“ nutzbar machen konnte.

Bei unserer Rückreise aus Rom entschloss ich mich über „Das Finstere Tal“ zurück ins Saarland zu reisen. Nochmal einen tiefen Blick ins Dunkle zu werfen, bevor der Alltag an Rechner und Orgel wieder ins Ein-und Zweitönige ausklingt.
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Das Finstere Tal“, diese faschistoide Vorgeburt aus dem 19.Jahrhundert, auch ein österreichisches Filmprodukt wie „Das weiße Band“, das uns zu zeigen vermag, wie im Süden historische Aufarbeitung von statten gehen kann, hat mich zutiefst begeistert.

Zunächst einmal nur wegen der herrlich unbeteiligten Landschaft, die während das Filmdrama seinen Lauf nahm, eisiges Hintergrundschweigen und damit Wissen um das Leiden der Menschen zur Schau trug. Böse und zudringlich werden die Ängste und Verrätselungen einer vorindustriellen Gesellschaft ins Lärchenholz und in die Zirbelkiefern an den Hängen eines Südtiroler Tals eingearbeitet. Dazu wird eine Sound-Geräusch-Kulisse fabriziert, die wie ein Drogenteppich an untergründigsten Lauten Erschrecken auslöst. Das Knacken eines Astes, das Schnauben eines Stiefels im Schnee, das leise Klicken der Winchester das hoch hinauf auf die Dreitausender Entsetzen telegrafiert, als ob den Lawinen Signale gesendet werden: „Ötzi – der Berg, der Berg, er ruft!“

Zu Beginn des Films hören wir die Stimme eines unschuldigen Mädchens in niederösterreichischem Dialekt, der die Unschuld dieser Natur unterstreicht. Und alles was diese Natur im Film anrichten wird, es wird gegen das Böse und für die Reinheit und Rache sein. Fast klingt es uns im Ohr, als sei das tatsächlich so der normale Weg. „Oh wie schön wäre die Natur, wenn sie gut wäre?!“

Die Oberfläche des Filmstoffes ist so herrlich klar und rein, sie verschmilzt mit dieser idealisierten Landschaft hinter Meran zu einem grandiosen grün-grauen Wald-Kosmos, das den Schnee wie reinen Koks ins Hirn schmiert und das Tal, das finstere, zu leuchten anfängt, während die Story ein katastrophales Gebilde darstellt, das wir einfach nicht unwidersprochen hinnehmen können.
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Hätten Andreas Prochaska(Regie) und Martin Ambrosch(Buch) wenigstens das Ende offen gelassen, oder hinaus in die Landschaft katapultiert, mit der Aufforderung:“ jetzt arbeitet dran“ oder gesagt: „macht was draus!“, wir wären Ihnen dankbar gewesen. So aber, mit dem Hintergedanken, einen „Oscar“ kassieren zu können, haben sie den Emotionen etwas Zucker und Streicheleinheiten gereicht, aber an der Wahrheit scharf vorbei geschossen.

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Dazu kurz die Geschichte: Wir haben Ende 19 Jahrhundert, also die Zeit nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. In ein abgeschiedenes Tal (das Schnalstal hinter Meran) kommt ein Reiter mit zwei Pferden kurz vor Wintereinbruch. Es ist der Held, ein US-Amerikaner, der mit neuester US-Technik (Winchester Repetiergewehr 73) den im Tal geistig eingemummelten Europäern so richtig einheizen wird. Er findet dort ein faschistoides Unterdrückungssystem vor. Der „Brenner“ und seine Söhne terrorisieren die ansässigen Familien mit Gewalt und Sadismus. Parallelen machen sich auf zur Colonia Dignidat und anderen Formen der Unterjochung, wie wir sie in Perfektion in den 1920-40er Jahren in europäischen Ländern als Staatsformungen wieder entdecken konnten. Der Held, der „Greider“ ein sympathischer, weil wortkarger Mensch, ist auch Sohn des „Brenner“. Aus dieser Vergewaltigungstat ging Greider hervor. Dieses Identitätsproblem, das einer tiefgängigen griechischen Tragödie würdig wäre, das Greider mit sich herumträgt, wurde leider nicht verarbeitet. Er rächt sich, indem er alle seine Brüder und zum Schluss den Vater mit Waffengewalt und Tränen in den Augen erschlägt. Nun herrscht wieder Freiheit und reine Luft – so meint man.
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Diese Konstruktion, dass ein US-Bürger ins Schnalstal kommt, um dort mit Waffengewalt Recht und Ordnung wieder herzustellen, sie stört mich. Und zwar aus dem Grunde, weil dieser wesentliche Erzählstrang etwas sehr Unglaubwürdiges hat und weil, wie mir scheint, das nur aus „Oscargründen“ in die Geschichte eingebaut wurde. US-Amerikaner als unbestrittene Helden im 19.Jahrhundert in Südtirol – das sollte doch einen Oscar hergeben. Waffengewalt, die heute nicht oft genug und anders als verherrlichend thematisiert gehört, sie darf einfach nicht in europäischen Filmen glorifiziert werden. Den Priester zu erschießen, weil der bei Mutter und Predigt die Befruchtung der Maria durch „Höheres“ als durch den Ehegatten thematisiert hatte, das erscheint doch abstrus.
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Das Schnalstal ist mir ans Herz gewachsen mit den heutigen Menschen, die alles andere als 19.Jahrhundert sind. Auch die wunderbare Filmkulisse, der Marchegg Hof, der unmittelbar von weitem erkennen lässt, dass hier wichtige Szenen abgedreht wurden, machte einen wunderbaren Eindruck auf uns. Dort einen Kaffee zu trinken, die Leut zu befragen, die dann auch lossprudeln und erzählen, wie aufregend die Filmerei war, all das waren zwei schöne Tage in und um Meran, bei einer Rückfahrt aus Rom nach Saarbrücken.
Und dann hinauf in die Schweizer Alpen, ins Engadin.
Nein, nach Sils Maria, zu Zarathustra, haben wir’s nicht mehr geschafft, leider.
Aber das kommt noch.
Rom wartet schon wieder. Im Winter.
Und dann ins Schnalstal, ich müsste weinen.
gwm

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ein Jahr Costa Rica: viel Lärm und Nichts…

EIN JAHR COSTA RICA
Vorwort: Im Mittelalter haben die Dorfgemeinschaften den psychisch Auffälligen eine Kopfbedeckung verpasst, mit Glöckchen dran, um diese vor sich selbst und die Gemeinschaft vor Überraschungen zu schützen. Überall, wo der Narr auftauchte, oder sich versteckte, hörte man die Glöckchen vielsagend bimmeln. Im heutigen Costa Rica, besonders hier in den bevölkerungsreichen Städten, setzen sich ganze Heerscharen von Jugendlichen diese Narrenkappen auf, indem sie ständig Lärm von sich geben. Sei es, dass der Eine oder Andere durch frisierte Auspuffe der Mopeds sich in Erinnerung bringen möchte, sei es, dass Geschrei und Lautsprecher auf den Straßen von Narreteien kund tun. Das Ruhig- und Stilleseinwollen alter Atztekenaristokratien sucht man heute vergebens.
Hier die Story:
Gegen Samstagmittag 14 Uhr verziehen sich zwei Orgelbauer ins paradiesische Paraiso, in die Orocay Lodge. Eine himmlische Ruhe begleitet den Ausblick ins Orosi-Tal. Dort unten gibt es die älteste Kirche des Landes, deren Anblick, wie erwartet, durch einen neuen Anbau völlig verschandelt wurde.
Ein Rabengeier dreht langsam seine Runden über dem Tal, das wie in Rauch gehüllt schwer atmet. Im Hintergrund tauchen blaue Berge auf, darunter der Vulkan Turrialba, heute ohne Rauchfahne, aber stoisch unbeugsam.
Hier und dort hört man Vogelschreie, Hundegebell, Stille kehrt ein. Kolibris schwirren heran, nektarieren, scheuen die Menschen nicht.
Erschöpfte legen sich auf die Betten in ihren Zimmern. Fenster und Türen werden geöffnet, um den kühlen Wind vom Pazifik einzulassen.
Das Wolkenspiel am Himmel perlt wie alter Regen aus Europa in die müden Augen der Halbtoten. Nur weit weg von Cartago, weg von Catedral, weg von den unbeugsamen, künstlich aufgetürmten Hindernissen, die jegliche feine Orientierung an alter Kunst und Weisheit missen lässt. Weg vom Lärm der Costa Ricaner, die zwei Existenzformen kennen.
a)Die Frau sagt: „ich esse, also bin ich“ b)der Tiko: „ich lärme, also bin ich“.
Man könnte diese Grundformen des costaricanischen Existenzialismus noch um ein paar Spielarten ergänzen, aber lassen wir das, werden wir nicht zu aufdringlich.
Ohne die schnell durchschaute Eitelkeit, die anderen Motiven hinterherläuft als unsere europäische, wäre es hier nicht auszuhalten.
Zurück im Paraiso Hotel, indem sich die Ausgebrannten vor ihrer eigenen Asche Erholung zufächeln. Es scheint alles noch im grünen Bereich.
Dann plötzlich beginnt ein Höllenkrach, der sich gewaschen hat, der das Ruhehotel in ein Tollhaus zu verwandeln droht: Mopedgeknatter paart sich mit dem Krach eines Quadro4.
Nach kurzem Zögern erhebt sich einer der Müden zur Explosion, und die steigert sich noch weit über den Lärm der beiden Motoren hinaus. Es knallt kräftig, Wortwechsel, Geschrei, Morddrohung, abgewandter Totschlag, Wiedervertragen, und endlich kehrt erneut Ruhe ein.
Die Europäer längst über die Grenzen ihres burnout hinausgewachsen nehmen noch Steak mit Gemüse ein, um in einen ersten Traum einzulenken.
Was für Tage waren das, die letzten zwei Monate, auf dem Rücken eines tollwütigen Mantelbrüllaffen. Endlich hatte man es geschafft, eine mechanische Kegelladenorgel, der in Europa nicht fünf Minuten Hoffnung vergönnt gewesen wäre, wieder spielbar zu machen.
Als nun massiver als je zuvor, die Weiterarbeit an diesem Instrument durch die Kirchenleute behindert wurde. So kamen die Orgelbauer letzten Montag morgens wie gewohnt um 7Uhr in ihre Kathedrale, als dort plötzlich ein Presslufthammer die Akustik des Kirchengebäudes in tausend Stücke riss. Dies zum Zeitpunkt des Feintunings, der geplanten Intonation.
Soviel zur Sensibilität der „costaricanischen Freunde der Orgel in der Kathedrale in Cartago“.
Wie die Orgelbauer darauf reagierten, wollen wir hier nicht in allen Details erläutern, nur hervorheben, dass sie die Entschuldigungen der Verantwortlichen nicht allzu wörtlich nahmen. Denn am nächsten Tag, war trotz ihrer Protesten, der gleiche Zustand wie zuvor. Der Blaumilchkanal unter der Kathedrale forderte seine Tribute.
Der Presslufthammer hatte eine solche Kraft, dass die Orgelbauer fürchteten, die Prospektpfeifen werden aus den Halterungen fallen. Das Positive an diesem Krach aber war, sie konnten endlich wahrnehmen, dass der bisher erfahrene Lärm sogar noch um Längen überboten werden konnte.
Mitten in der Nacht wachte einer der Orgelbauer auf, nicht mehr sicher, ob er all diese Dinge auf dem Rücken eines Mantelbrüllaffen geträumt hatte, denn die unheimliche Stille des Orosi-Tales schwang sich hinauf in den Vorgarten des Hotels und nebelte seinen Kopf so blau ein, dass er an diesen Erfahrungen zu zweifeln begann. Ganz von Ferne, nicht mal 4-5km entfernt, hörte er ein zartes Mopedgeknatter, das sich mehrere Minuten durch sein blau gefärbtes Bewusstsein zu spinnen anschickte, als seine Zweifel langsam der Gewissheit wichen.
Der Affe war. Die uralten Indianergeschichten, der Mayas, der Azteken und der Inkas waren beinharte Realitäten, die sich nicht dem Verstande oder der Vernunft erschlossen, aber den Emotionen und den Träumen.
Nur wer viel Zeit zum Schlafen hat, kommt den Mythen der Mittelamerikaner näher. Alles andere, ihre Orientierung nach Europa oder Nordamerika, das ist belangloses Zeug. Der Ritt auf Krokodil und Mantelbrüllaffen, die Dämonen in den Kirchen und Straßen der Hauptstädte, sie sind die wahren Götter dieser Landstriche. Wer jemals in das Auge eines Vulkans oder eines Tikos tief geblickt hat, der hat sie gesehen, diese Träume und Dämonen, dieses Unheil, das entsteht, wenn Europa Mannen in die verwunschenen Berge jener Regionen schickt.
Wie gelangweilt muss ein heuriger Maya auf einen Europäer blicken, der etwas von Orgelmusik fabuliert, während dort ein Dayang-Moped hell auflacht und mit bohrendem Dröhn in die Hirne jener Ignoranten eindringt.

gewalcker@t-online.de

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Precht „Erkenne die Welt“

Meinem Leib- und Magenphilosophen Friedrich Nietzsche würde sich in der Tat der Magen umdrehen, hätte er das zweifelhafte Vergnügen gehabt dieses wundersame Buch des Dauerschreibers Richard David Precht mit dem anspruchsvollen Titel „Erkenne die Welt“ in die Finger bekommen. Gelesen hätte er das an Fakten aufgeblühte und im Keime total erstickte Werk mit Sicherheit nicht.
In Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 30, schreibt Nietzsche (…) Allerwelts-Bücher sind immer übelriechende Bücher: der Kleine-Leute-Geruch klebt daran. Wo das Volk isst und trinkt, selbst wo es verehrt, da pflegt es zu stinken. Man soll nicht in Kirchen gehn, wenn man reine Luft athmen will.-
Dennis Scheck hat mich mit seinen Ausführungen verführt, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Sein Spiegel-Bestseller-Check, der hin- und wieder ins Schwarze getroffen hat, gab irritierenderweise kund: „dieses Buch hätte ich als fünfzehnjähriger Knabe haben und lesen sollen.“
Keine Frage hingegen ist, dass dieses Buch bereits im Kindergarten vorgelesen werden kann.
Den Kids könnte während dem Einschlabbern der Mittagssuppe jener Faktenbrei akustisch miteingeführt werden und in anschließenden Diskussionsrunden wären schon erste geistige Verdauungstätigkeiten in Form einer gründlichen Diarrhoe zu bewältigen. Denn „Precht“ muss man kräftig fahren lassen.
Ein Buch also, das alles andere als Philosophie vermittelt.
Was dieses Buch bestens beibringt ist die Einbildung nun etwas von Philosophie mitbekommen zu haben. Wie überhaupt alles, was dieses zweifelhafte Schwatzen von Herrn Precht in all seinen Büchern mit sich führt: es ist ein zusammengeglaubtes Sammelsurium an Fakten, die er überhaupt nicht bereit ist zu durchdenken, zu durcharbeiten, weil er genau hier restlos versagt.
Es ist ja einfacher aus einem Stapel Sekundärliteratur sich schönes und gängiges Farbrauschen zusammenzuschreiben, so wie ein Grundschüler die Wasserfarben erstmal alle durcheinander mischt, bis nur noch grau und schwarz auf dem weißen Blatt erkennbar sind.
In diesem ersten Band „Erkenne die Welt“, und ich versichere keinen weiteren Band mehr von diesem belanglosem Gemüsebrei an mich rankommen zu lassen, redet der Verfasser davon die abendländische Philosophie von der Antike bis zur Renaissance beschreiben und dabei die jeweiligen historischen Erscheinungen zu Wort kommen lassen zu wollen.
Die Maßlosigkeit, mit der Herr Precht an die Antike herantappt, hätte nicht schlimmer sein können. Es schmerzt, wie plump und dumm er an antiken Philosophen herumfingert, die seit 2500 Jahren bei allen nachfolgenden Philosophen in höchster Anerkennung standen.
Zunächst ist es ihm elementar wichtig an der Oberfläche zu bleiben und keinesfalls Tiefgang zu zeigen. So also beginnt das Buch mit dem Bild des Raffael „die Schule von Athen“. Bereits hier verliert Precht kein einziges Wort über die mannigfaltige Esoterik, die in diesem Bild versteckt sind, dafür findet man Sätze wie: „Rafael malt ein gleichsam alltägliches Philosophengewusel (…)“. Natürlich, muss man sagen, denn die Welt des Herrn Precht ist Alltag und die Unübersichtlichkeit in Sachen Philosophie findet er in allem, was mit Philosophie zu tun hat. Jeder interpretiert seine Welt eben hinein in das Ding vor seiner Nase.
Ich erspare uns die Widersprüchlichkeiten, mit der Precht den Philosophen Thales behandelt. Es gibt hier fantastische Literatur, die tatsächlich richtiggehende Philosophie darstellt, wie Hans Blumenberg „Das Lachen der Thrakerin“. Hier wird uns Thales nahegebracht und mit Philosophie verwoben; Interpretation einesteils, abstraktes Denken, Alltag, Ironie, die Stellung des Menschen im All.
Geradezu lächerlich die Behauptung Prechts, Platon hätte Thales als Tölpel und Trottel dargestellt – etwas, das Precht sehr schnell passieren wird, wenn wieder einmal die Zeit für Philosophie gekommen sein wird.
In dem Moment, wenn Precht meint, die Person, den Philosophen, umfassend ausgeschöpft zu haben, blendet er Zeitgeschichte ein. Oder besser gesagt, seine Interpretation der Zeitgeschichte. Und diese Interpretationen, sei es die Geschichte der alten Griechen oder sein Blick in den Kosmos, oder schlimmer noch die religiösen Verhältnisse zur Zeit der griechischen Antike, plätschern in einer solchen Belanglosigkeit daher, dass man weder den Geschmack dieser Zeit auf die Zunge bekommt noch die Menschen dieser Zeiten überhaupt verstehen kann. Precht gibt sich nicht die geringste Mühe, seiner Perspektive des 20. oder 21. Jahrhunderts einen noch so kleinen Schubser zu geben, um die längst vergangenen Zeiten zu verstehen. Selten gelingt es ihm Wandel oder Paradigmenwechsel wie zum Beispiel vom Mythos zum Logos im 7.JH vor Christus gründlich darzulegen. Dort wo Fakten und heutige Zeit aufleuchten, wie beim Auftauchen der ersten Geldstücke um 650 v. Chr., da wacht er auf und da funktioniert sein Beschreiben in der ganzen postmodernen Beliebigkeit, in der er gut geschult ist.
Peinlich sind seine Analysen Phytagoras und besonders Heraklit betreffend.
Die Phytagoräische Harmonielehre, welche bis ins 19.JH, ja sogar bis auf Hans Henny Jahnn Einflüsse ausgeübt hat, erwürgt Precht mit dem dümmsten Satz des Buches: „Wie es heute Lichtverschmutzung gibt, so produzieren die kosmischen Klänge eine Art Klangverschmutzung“. Oder er sagt eine gänzlich totale Banalität im philosophischem Bierernst: „Doch wenn Phytagoras über Töne redet, so geht es ihm nicht um die Akustik selbst. Er nimmt an, dass Götter und Menschen, Himmel und Erde eine universale Freundschaft hätten, verbunden in einer universalen Ordnung- dem Kosmos!“ Heilige Einfalt, wie kann man solch eine verbrämte Logik in einem Buch unterbringen, das vorgibt sich mit Philosophie zu befassen.
Den größten Brocken aber liefert Precht mit seiner Darstellung des Heraklit. Nie zuvor in meinem Leben habe ich solch eine peinliche Unverschämtheit über einen Philosophen lesen müssen, der von der Romantik bis zu Heidegger tiefstens verehrt wurde. Nicht etwa, weil Heraklit glatte und klare Denkansichten mitgeteilt hat, sondern gerade weil er mit verschlüsselten Sätzen zum Denken angeregt hat, was natürlich Leute vom Schlage Prechts zurücklässt in völliger Unverstandenheit. Diese Leute wollen Verkehrsregeln, an die sie sich zu halten haben und keine Anregungen zum Denken.
„Mit Heraklit halten das Gezänk und die Misanthropie in die Philosophie Einzug“, so Precht. Im darauf folgenden Nebensatz: „aber auch eine bedeutende Erweiterung und Erhöhung des Logos“ lässt den Schluss zu, dass hier (wie auch in anderen Behauptungen) elementare Hirnspaltung des Verfassers vorzuliegen scheint.
Precht vergleicht nun im weiteren Phytagoras mit Heraklit und stellt fest: „Heraklit strebt nicht nach Wohlfühlharmonie (wie Phytagoras, gwm) , das fällt bei Heraklit unter den Verdacht des Gutmenschentums.“ Ich hoffe, Sie haben bemerkt, worauf ich hinaus will. Eine Szenario in der Philosophiegeschichte beschreiben zu wollen, das 2500 Jahre entfernt ist, mit Begriffen, die wir gerade mal 10 oder 20 Jahre kennen, das kann nicht gut gehen.
Eine Groteske allerdings ist, ein ganz elementares Stück Philosophiegeschichte wie die Dialektik ins Aus treten zu wollen, gelingt Precht mit folgendem Satz: „Heraklit behauptet, dass alles, was ist, zugleich durch sein Gegenteil bedingt ist und es als solches in sich trägt; ein folgenschwerer Gedanke, der (mit einem Wort Platons) als dialektisches Denken in die Philosophiegeschichte eingehen wird und dort vor einer großen Karriere steht.“ Und nun, zwei Sätze weiter, offensichtlich ist zwischen dem vorigen und dem nachfolgenden Satz ein Bierkegelabend in Köln gewesen: „Wenn die Welt ihrer Natur nach dialektisch sein soll, dann wundert es nicht, dass Heraklits Sprachstil so dunkel ist.“ Hat man je etwas Verrückteres gelesen als diese Worte Prechts?
Ich könnte beliebig weitermachen in der Dekonstruktion dieses unglücklichen und vor allem unnötigen Buches, das hoffentlich wenig Leser findet. Denn es gibt so viele gute und nachdenkenswerte Bücher, die sich mit all diesen Themen beschäftigt haben, die nie solch freche und frivole Oberflächendarstellung zutage gebracht haben.
Herr Precht, es gibt so viele Möglichkeiten, wie sie sich weiterentwickeln können: Kochbücher, Harry Potter, die Tatort-Serie könnte von ihnen und ihrem Schlapper-Schreibstil enorm profitieren, sogar einige peinliche Philosophiezitate könnten Sie Boerne unterlegen, wenn er vor Thiel aufglänzen muss. Aber lassen sie endlich die Finger von der Philosophie. Oder gehen Sie in die Politik, da werden solche Schauspieler, die auf klug machen, gesucht.

gewalcker@t-online.de

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Das Ludwigsburg-Syndrom

In einer Einführung zu seiner Psychoanalyse schreibt Sigmund Freud, ziemlich genau vor 100 Jahren, „dass Triebregungen, welche man nur als sexuelle im engeren und weiteren Sinn bezeichnen kann, die Ursachen für Nerven-und Geisteskrankheiten seien, und dass dieselben sexuellen Regungen an den höchsten kulturellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen beteiligt seien. Unter diesen Triebkräften spielen die Sexualregungen eine bedeutsame Rolle; sie werden dabei sublimiert, d.h. von ihren sexuellen Zielen abgelenkt und auf sozial höherstehende, nicht mehr sexuelle, gerichtet.“ (frei zitiert, gwm)
Für diese Zeilen ist Freud heftig kritisiert worden, auch wenn der seltsame Umstand unmittelbar nach dem I.WK eintrat, dass sich Literatur und Kunst mit Dada und Surrealismus tief in die Psychoanalyse beugte.
Weniger geschmeidig zeigt sich damals wie heute die „Geistigkeit“ jenseits von Philosophie und Literatur: nicht mehr der Mittelpunkt der Welt sein, seit Galilei; nun mit Freud nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus zu sein, ja „Gottprojektion“ auf sexuelles Triebleben zurückführen, das noch im Unbewussten ein von Verstand und Vernunft unabhängiges Eigenleben führt.
Das Entsetzen darüber wurde durch zwei Weltkriege und dem Aufmarsch der Nazi-Barbaren in Deutschland verdrängt.
Ich weiß nicht, ob heute jemals eine solche Aufarbeitung stattgefunden hat. Aber sicher scheint mir, dass die Gläubigen des einen Katechismus rasch auf die Seite des wissenschaftlichen Katechismus gewechselt sind und eine Vergessenheit eingesetzt hat, die wieder über die Hintertreppe in einem Vergangenheitswahn besonders in der „klassischen Musik“ ihren Grund gefunden hat.
Man sehe sich die Kirchen in Deutschland an: De-mentia = Entgeisterung, ein Heer Dementer singt geistlose Lieder. Über ihnen hängt die dunkelschwarz gefärbte Wolke des absoluten Nichts, aufgeblasen von technischen Orgelwerken, die in ihrer Geistlosigkeit in nichts dem Liedgut nachstehen.
Am nagelneuen Spieltisch der anteECO-Orgel vom Ehrgeiz zerfressene Organisten, die es geschafft haben eine Million in die Kirchenmusik reinzubuttern. Die ihr Vergessen darin üben, irgendwelche belanglosen Prelude-und Fugen-Varianten zu perfektionieren, die keiner mehr hören will. Die Orgel gespendet von reichen Leutchen, die damit etwas Seelenruhe erkauft haben. Man weiß ja nie.
Es fällt schwer zu glauben, dass hinter solchen Zuständen kein „freudsches Triebleben“ stecken soll, sondern noch ein Gran bewusst gesteuerte, geistige Frische, welche die Welt braucht in der heutigen Zeit. Wo doch klar sein soll, dass morgen um jedes Wasserloch gekämpft werden wird und am Tag zuvor in den Kirchen noch der Luxus gefeiert wird.
Das System des Ludwigsburger Syndroms, das eine vielschichtige Krankheit darstellt, mit unterschiedlichen Symptomen, ist etwas, das zumindest aufgedeckt werden muss.
Weil, wie wir sehen werden, daraus rasch eine Ludwigsburger-Syndrom-Schule entsteht, die kurioserweise noch mit der Oscar-Walcker-Schule unter einer Decke steckt.
Ob man damit etwas erreicht, sei dahingestellt. Sicher ist jedenfalls, dass nicht nur in Baden-Württemberg die Seuche bereits wütet und wir mit raschem Wachstum rechnen können.
Es ist eine Krankheit, die strategisch vorgeht:
a) Wartungsstau herbeiführen
b) selbst ein paar Stellen flicken und dem Kirchenvorstand solche exemplarische Mängel zeigen.
c) Schulklassen in die verkommene Orgel führen und schimpfen lassen.
d) Orgelbauer, denen das Maul mit einem Neubau wässrig gemacht wird, werden zum Orgelzustand befragt.
e) Wenn die Mangelsituation nun entsprechenden Anklang gefunden hat, kommt der entscheidende Schritt: die Zeitung muss her, ein möglichst einfältiger Reporter, dem man die Fragen auf die Zunge legt, hat entsprechenden Artikel zu drucken.
Nun kann man scharf mit dem Vorläuferinstrument ins Gericht fahren und gefahrlos Ross und Reiter benennen. Punktum
Mit Gegnerschaft hat man nicht zu rechnen, wenngleich die offensichtliche aber versteckt gehaltene Unwahrheit, die solche Projekte begleiten, nie offen attackiert wird. Es findet ja in der Kirche statt, wo doch heutzutage sowieso kaum noch „Wahrheit“ erwartet wird und die „Dementia“ wahre Feste feiert.
Nun, da ein exemplarischer Fall in der Ludwigsburger Stadtkirche stattgefunden hat, habe ich das gesellschaftliche Phänomen mit „Ludwigsburger Syndrom“ benannt.
Hier wurde ein Sammelsurium von Münchhausen zusammengeschnürt und selbst noch nach Abschluss der neuen Orgel auf die Vorgängerfirma abgelassen, wie man es sich bei einem gesunden Menschenverstand kaum vorstellen konnte. Letzte Reste an christlicher Moral wurden fahren gelassen. Vornehmheit und Größe schrumpelten zu mickriger Kleinheit zusammen.
Auffällig ist nun, dass Organisten, die es geschafft haben über die Wahrheit zu triumphieren, regelrechte Beratungen ihren Kollegen angedeihen lassen, wie solche Syndrome ihre größtmögliche Wirkungen auszustrahlen haben.
So geschehen in der Vaihinger Stadtkirche, wo der Organist alle Spielregeln des Ludwigsburger Syndroms fast exakt einhielt. Ihm unterlief allerdings der Fehler, 12 Jahre vorher, nach einer Generalüberholung seiner Orgel, in höchster Verzückung dieses Instrument zu verklären.
Da werden sicher noch der eine oder andere Frosch quacken. Aber der Gang der Geschichte wird sich nicht aufhalten lassen. Die Maniaks bleiben Eiferer bis zur neuen Orgel, wo sie dann nieder knien als Imbeziller in weihevoller Andacht. Oedipales grausiges Schicksal derer, die nicht hören wollen. Taubsein ist auch ein Schicksal.
Die Lügen die so in den baden-württembergischen Kirchen herumspaziert, als sei sie endlich hier heimisch geworden, wir werden es nicht mehr erleben, das sich eine der Kirchen entfernende Gesellschaft darum nochmal kümmern wird. Vielleicht werden noch ein paar verlorene Muslime oder Chinesen die neuen Wunderwerke Orgel fotografieren, hören, das heißt doch „Geist erfahren“, will sie keiner mehr.
Bei Einweihung einer neuen Orgel in der Nähe Hannovers, so wurde mir gesagt, waren gerade mal noch sieben Kirchgänger anwesend. De-mentia eben.
Meine Klagen gegen die Zeitungen, die solche Projekte mit all ihrer banalen Dummheit aufpuschten, derer die Württemberger fähig sind, und die sie mit offensichtlich falschen Daten unterfüttert haben, wurden abgewiesen.
Einerseits, weil es Meinungsäußerungen von Organisten waren – also diese Leute dürfen öffentlich die Unwahrheit sagen. Dafür kann die Zeitung ja nichts. Hier müsste man mit Unterlassungsklagen weiter arbeiten, so ein Anwalt. Aber bin ich ein Klageweib, an einer Klagemauer? Euer schlechtes Gewissen und der Biss dazu ist mir Genugtuung genug.
Andererseits will ein Richter gegen die Stuttgarter Zeitung, mit der er jeden Morgen sein Frühstück garniert, keine solche Klage beim Landesgericht in Stuttgart zulassen. Denn da stehn ja nur knallharte Fakten drin. Ein Prosit auf die Justiz.
Das aufkommende Desinteresse des Geistes an sich selbst gebietet den Blick auf das Alte, wo noch Geist, Schwung, Frische war.
Mir wird es ungeheuer, wenn man das Alte nur noch mit dem Uralten gleichsetzt.
Und wenn niemand mehr komponiert, wenn so alles verklingt,
und das uralte Lied durch die
hohlen Schädel der
De-mentia
hallt…

….es tut so weh!
gewalcker@t-online.

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wo zum Teufel ist die Musik?

Im Jahre 1739 veröffentlichte Johann Sebastian Bach Choralbearbeitungen, darunter Präludium und Fuge in Es-Dur, deren beide Teilstücke für mehrmanualige Orgel mit Pedal zur Ausführung bestimmt waren.
Der Notenstecher Balthasar Schmidt fertige das Druckwerk. Weltweit werden wohl hunderttausende von Druckexemplaren mit dieser Musik heutzutage im Einsatz sein. Sicher ist auch, dass seit dem Jahr 1739 Millionen von Interpretationen dieser Stücke in verschiedensten Qualitäten Hörer aller Arten erfreut haben.
Und nun zum Problem.
Hört man sich eine Interpretation dieses Präludiums und der Fuge an, so wird man rasch einig werden, dass diese Interpretation eine Art Stellvertreterfunktion für diese komponierte Musik einnimmt, aber nicht das Musikstück selbst darstellt. Das Musikstück würde auch in diesem Fall nur für die Dauer der Interpretation vorhanden sein. Noch weniger wird man die bedruckten Notenblätter heranziehen, um zu dem scheinbar objektiv vorhandenem Musikstück vorzudringen, denn die materialisierte Musik klingt nicht.
Auch der Umstand, wenn man alles Druckwerk vernichten würde, so wäre die Musik immer noch da, und sei es nur im Hinterkopf eines gelehrigen Organisten.
Würde man allerdings alle Menschenschädel einschlagen, ein Beispiel Schopenhauers, was heute schneller passieren kann als 1739, so wäre das Orgelstück für alle Zeiten verloren, außer es gibt das Absolute, das alles Geistige bewahrt, von dem allerdings nur Hegel etwas wissen konnte.
Wo also befindet sich dieses Werk? Klar ist, das Werk ist eine Abstraktion, die ohne Menschen nie zur Erscheinung treten kann. Klar ist aber auch, dass sowohl Zeit wie Raum unnötig sind, um dieses Orgelstück bewahrend am Leben zu halten. Und in diesem Moment betreten wir die heiligen Hallen der Metaphysik.
Der Begriff „Metaphysik“ stammt von Aristoteles, der unter „physis“ das von sich selbst Aufgehende, das sich Eröffnende, Entfaltende, das in Erscheinung tretende, verstand, ein ganz wichtiger Begriff aus der antiken Philosophie, und angereichert mit „meta“, über etwas weg, hinüber…, nun einen Superbegriff schaffte, der ursprünglich alle Philosophie umklammern sollte.
Es gibt zwei hochinteressante Bücher zum Thema. Einmal Theodor W. Adorno „Metaphysik“, sein einziges Buch, das man tatsächlich ohne Philosophiestudium lesen kann. Das aus Vorlesungen im Sommersemester 1965 entstand und das Ringen des Professors um das Verständnis der Aristotelischen Vorstellung zwischen Form und Stoff (Idee und Materie) offenbart. Auch unbedeutende Nebensätze zeigen uns, wie Adorno in die Tiefe des Aristotelischen Verständnisses und Zusammenhangs eindringt und immer wieder auch auf Gefahren der falschen Interpretation hinweist.
Hier bei unserem Musikstück, das sich nirgendwo aufhält, aber als Form omnipräsent ist und nur den Stoff braucht (die Noten, die Orgel und den Interpreten) um realisiert zu werden, und dabei von Adorno an die Hand genommen zu werden, zum Beispiel, wie Aristoteles die Beziehung zwischen Stoff und Form sich dachte. Das, so denke ich, ist ein schöner Spaziergang, der uns über Metaphysik viel sagen kann.
Ganz anders, aber fast wie ein Kriminalroman lesbar ist Martin Heideggers „Metaphysik“, 1935 in Freiburg gelesen, 1957 überarbeitet und gedruckt. Nun Heidegger ist uns heute mit seinen „Schwarzen Heften“ nicht mehr so sympathisch, aber man kommt ohne ihn kaum aus.
Ohne ein altgriechisches Wörterbuch ist seine „Metaphysik“ kaum verständlich. Obwohl Heidegger immer wieder ausführlich auf die altgriechische Sprache eingeht. Heidegger ist ein Sprachgenie. Man muss sich ganz mit ihm beschäftigen, man muss in seiner Sprache Platz nehmen und sich immer wieder vergewissern, was ist das?, was er da sagt. Fragen ist Philosophieren, so beginnt das Buch. Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?
Und auch da sind wir wieder bei der Musik. Warum gibt es eine komplette Oper und wo ist sie, wenn gerade keine Interpretation von dieser Oper aufgeführt wird.
Haben doch die Realisten im Universalienstreit recht gehabt, dass es hinter der realen Welt noch eine weitere gibt, wo all diese Ideen aufbewahrt liegen. Was ein Metaphysiker ganz entschieden mit „diese Hinterweltler“ bestritten hat, nämlich Friedrich Nietzsche.
Aber wo sind sie dann, diese Baupläne, Ideensammlungen, Kompositionen, die in allen Lebenden vorhandenen Schicksale und Fügungen, die die alten Griechen vom Mythos bis zum Logos verfolgt haben.
Kein Zweifel gibt es, dass seit Platon und Aristoteles, beide haben zwar unterschiedliche Auffassungen über Idee und Materie oder Stoff und Form, diese Metaphysik sich zur abendländischen Grundvorstellung entwickelt hat und heute noch unsere Alltagsvorstellung repräsentiert.
Mag sein, dass wir mehr und mehr zu Materialisten werden, die immer irgendwie ein Stück Stoff oder Materie brauchen, um zu glauben.
Aber wo zum Teufel ist die Musik?
gwm

zu Adorno „Metaphysik“
Wie bei der Metaphysik des Aristoteles alle Gedanken auf den „unbewegten Beweger“ hinführen, so deutet bei den Gedankengängen Adornos alles auf „Auschwitz“. Und das ist die Aufhebung aller Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz. Nicht aber ist dies ein letzter verzweifelter Aufschrei, sondern es ist die Mahnung zur „Infragestellung“ aller Philosophie. Und mit diesem „Wirf weg!“ und dem Infragestellen taucht bei Adorno ebenfalls wie bei Heidegger (am Anfang seiner Metaphysik) das Motiv auf in die Tiefe zu gehen. Eben das geht nur über die Frage.

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