Avatar – oder -Liebe dein naechstes Byte!-

April 25th, 2010

Die Geschichte ist schnell erzählt: ein Marine(Soldier) der eigentlich langweiligsten Sorte wird nach Pandora (die letzte Hoffnung) zwecks militärischem Einsatz versetzt. Dort beamt man ihn über eine „Traumschleuder“ ins Land der picassoblauen Fremdlinge, wo er sich schließlich in ein binär konstruiertes weibliches Wesen mit tellergroßen bienenhonigfarbenen Augen verliebt. Geschlechter oder geschlechtliche Liebe gibt’s dort nicht. Dafür aber Landschaften, die jenseits der erdenmenschlichen Vorstellungen von gelehrter Physik liegen, die schweben und leuchten, bis dann der himmelhochjauchzende Kitsch von US-Realo-Kriegern so richtig ordinär zusammengeballert wird. (Böse Menschen sind das!)
Neben der dünnen blauen Haut verletzt dies nun das Verständnis des träumenden Marine(Soldiers) so gewaltig, dass er zum Vaterlandsverräter mutiert. Er und ein paar seiner Freunde schlagen sich also auf die Seite der Urwäldler und organisieren (nun richtig militärisch) den Gegenschlag gegen die Erdler, welche endlich vernichtend geschlagen werden.
Der bekehrte Marine(Soldier) darf nun zum finalen Traum ausholen und wird von der Großen Mutter auf den letzten Big Kick gebeamt, wo er dann schließlich, ohne von irdischer Elektrizität abhängig zu sein, seinem ewigen Trip nachhängen kann.
Soweit also die Story, die uns wieder einmal belehrt, dass aus den Staaten grundsätzlich nur Oberfläche herüberschwappt. In diesem Fall ist das Laudatio: Droge! Nehmt Drogen! und lasst diesen Scheißplaneten Erde verrecken, an dem ohnehin nichts mehr zu retten ist.
Lasst euch rüberschicken via welcher Technik auch immer, in schöne, bunte Traumwelten, wo ihr tatsächlich noch Helden sein könnt.
In der junkiegesättigten US-Gesellschaft kommt derartiges Filmgut recht brav an, ohne jedoch die unterschwellige Message verstehen zu wollen.
Ein Weiteres ist, in diesem Film die Hybris hochgerüsteter Technik und platteste Naivität zusammenzwingen zu wollen. Das kann nur auf Kosten der Glaubwürdigkeit schiefgehen. Überall schimmert die Begeisterung für Computer- und Maschinentechnologie durch und dann plötzlich soll man einen solch platten Mythos von einer verrückt konstruierten Welt mit Riesenbaum, Flugechsen, schwebenden Bergen und schiefen Göttern glauben? Mir hat nicht eine Sekunde eingeleuchtet was denn die Werte und Sinnhaftigkeit dieser blaubehäuteten Gesellschaft in einer Naturkonstruktion sein soll, die ich mal vorsichtig ausgedrückt, als absolut barbarischen Faschismus bezeichnen würde. Letztendlich war das Herumfliegen auf diesen irren Flugsaurieren, die urplötzlich gezähmt werden konnten, das einzige was an positiven Erscheinungen herüber kam. Meint also, dass Beach-Surfen und Baseball der US-Amerikaner immer noch als den absolut höchsten Lebenssinn obenauf gesetzt, und wenns dann sein muss, nimmt man das Surfen auf einem Preondactylus-Saurier als vergleichbaren Wert mit auf in die Prioritätentabelle.
Es war schon seltsam zu sehen, wie auf einen Schlag ureigenste US-Werte in diesem Film seelenruhig verramscht wurden. So standen plötzlich die Vaterlandsverräter als Helden da. Der ausgezeichnete Colonel, Irak-und Kolumbien-erfahren und vaterlandsvernarbt, (auch hier schimmert die Droge durch) stellte den Bösewicht dar, obwohl er doch Ressourcen fürs heimische Völkchen sichert. Aber der immer wieder mal den Traum des eigentlichen Helden gefährdete indem er den Stecker aus der Buchse ziehen wollte. (Und das ist bereits die zweite Paradoxie: dem Schürfen nach Rohstoffen zu misstrauen, weil es edle Naivität zerstört, aber bei uns kommt ja der Strom aus der Dose….)
Die heile, blaue Welt allerdings, vollgepumt bis obenhin mit Droge und Lüge, in der die radikale Sexualfeindlichkeit des überlebten Christentums sich mehr als vervielfacht hat, in der eine Natur angebetet wird, die durch und durch das genaue Gegenteil von uns bekannter Naturidylle ist. Schreckliche computeranimierte, von Idioten ersonnene Welten, denen man sehr bald überdrüssig werden würde und die man Andersdenkenden peinlich aufdrängen müsste. Und die damit eindeutige Züge eines faschistischen ausdifferenzierten Bereichs erhält. Das müsste tatsächlich ein benebelter, haschischrauchender Demiurg gewesen sein, der solch unverdautes Tier-und Pflanzenreich einer Menschheit zum Ritual der Naturvergottung überlassen wollte. Seien wir froh, dass es nur ein paar kokainschnupfende und CocaColasaufende Programmierer waren.
Ich halte diesen Film daher für gefährlich. Nicht weil er Droge predigt, was zu offensichtlich ist und jeder irgendwann durchschaut, sondern weil er eine Art Spinnennetz über eine bereits in faschistischen Strukturen gefestigten Gesellschaft, wie die der US-Amerikaner weiter webt und teilhaben lässt, an einem Glauben, dass ja alles richtig abläuft, sofern man das von Medien gesetzte und erlaubte “Träumen” bedingungslos akzeptiert.
Solche Filme wirken genau in die Richtung. “Das Medium Hollywood, Apple oder Windows erst erlaubt Dir das Träumen” - sei dankbar! und denke immer dran, dass jederzeit der Stecker gezogen werden kann.

gerhard@walcker.com

Faust, die Bachsche Fuge, der unendliche Rausch…

Dezember 22nd, 2009

Das wär antik! Ich wüßt es nicht zu preisen!
Es sollte plump und überlästig heißen.
Roh nennt man edel, unbehülflich groß.
Schmalpfeiler lieb ich, strebend, grenzenlos;
spitzbögiger Zenit erhebt den Geist;
solch ein Gebäu erbaut uns allermeist. (Architekt)
Goethe, Faust 2, 1, Rittersaal

Johann Sebastian Bachs Fugen, das sind die gotischen Kathedralen der Zeitlosigkeit. Die in eisige Höhen hinauf-gefrorene geistige Räumlichkeit.
Zeitlos, weil sie nie mehr vergehen. Zeitlos aber auch, weil sie sich mit der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit verwoben haben.
Unser Rückblick auf die Gotik ist mit einem mitleidendem Blick unterlegt, der um das Wissen dieser Bachschen Fugen-Gotik weiß, und das daher die Menschen der Gotik und ihres steinernen Bauens bedauern.
Den strahlende Silberglanz ihres plastischen Schaffens setzte Johann Sebastian Bach mit Präludium und Fuge A-Moll BWV543 auf jene faustische Gotik, deren primäres Ziel war den Himmel nicht mehr anzubeten, sondern ihn zu erstürmen.
Nach dem Erschallen dieser Musik konnte nicht mehr gebaut und gemalt werden, wie bisher. Alle Kunst floh nun in die Musik. Alle Kunst wurde nun wie von einer wilden Töpferscheibe mitgeschleudert in deren Mittelpunkt sich die Fuge nach oben ins Himmelreich zentrierte.
Bachs Fuge und der gotische Raum sind Implemente. Die Vertikale der Gotik entsprach der Polyphonie Bachs. Von uns aus gesehen bedingen sie sich gegenseitig.
Das Aufbrechen aller Raum- und Zeitempfindung in der Fuge, das, was dem antiken Menschen im Bilde der Ataraxia (was wohl unvollkommen mit Seelenruhe übersetzt werden kann) und das der unruhige, nun nervöse, von Tobsuchtsanfällen und Gier übermannte Faust nie in der abendländischen Kultur finden konnte, sah er nun in einem gläsernen, glitzernden Universum aus geschichteten Klang-und Tonschöpfungen, bei denen er die Augen schließen und so Gott sehen durfte. Alle Architektur von Renaissance, Barock und Rokoko führte zur Bachschen Fuge, war vollendete Gotik.
Jetzo leuchteten seine Augen auf, im Anblick der gläsernen, unendlichen gotischen Kathedralen die alle bekannten Dimensionen sprengten. Mit einem Schlag waren durch Bachs Fugen alle Philosophien im Kräftezentrum, im Auge des Zyklons vereint.
Und alle anderen Wahrheiten, ob wahr oder falsch, wurden durch diesen Zyklonen hinweg geschleudert, vernichtet, zerschmettert. An allen Wänden, welche noch standen, vor der französischen Revolution, klebte das Blut der vernichteten Kulturen außerhalb der Gotik.

Nur noch ein Wort Kants, der daran 30 Jahre arbeitete, war notwendig, all dem was Bach sagte, den Begriff zu reichen: “nicht der Raum, nicht die Zeit soll letzte Autorität, letzter Maßstab sein, für dich “Faust”, sondern die Vernunft!
“0 schmücke dich, o liebe Seele”, mit dem Bach dem abendländischen Faust (und damit sich selbst) die musikalische Plastik der Antike reichte, eine nordische Ataraxia, eine Ataraxia für Stunden in heutiger Zeit, gab er uns einen Geschmack von Antike, eine Perspektive davon.
Doch mit der Berührung des Himmels erlosch dessen magische Faszination.
Für Faust nun, stellte sich eine grausame Wahrheit ein, er war nicht gottesdürstig genug, seine Gottesfurcht erlosch.
Faust, der dem Satan die Wiege gehalten hatte, weil er “Tiefe” suchte und in dieser “Teufe” (althdtsch) er den Teufel fand, war mit der Erschaffung der gläsern-singenden Gotteskathedralen die nur im Klang geschaut werden konnten, mit einem Gott der nur noch prismatisch durch die Glasschichten der Fuge gesehen werden konnte, er war nicht ans Ziel gelangt. Der “musikalische Gottesbeweis” wurde zerredet, zerklüftete sich an Galanterie und Oberfläche.

War die Fuge nur ein Mittel Gott zu schauen, nicht Gott selbst, nicht Raum und Zeit selbst? Wo, so Faustens bange Frage, war dann Gott?
Denn Fausten war klar, im Gegensatz zum antiken und ägyptischen Menschen — in seiner Seele konnte Gott nicht sein!
War seine Fuge Trauma oder Rausch?
Thomas Manns “Faust”, Friedrich Nietzsche, spaltete den Gegensatz von Traum und Rausch in zwei antike Brüder auf: Apollon und Dionysos. Und jener Faust unterlegte allem Kunstschaffen, und damit auch dem Schaffen Bachs und seiner Fuge, den Rausch. Das Bildwerk braucht den Tag, Apollo - die Musik, die Nacht, braucht Dionysos. Die Romantik flüchtete sich in diesen Analysen in Psychologie und Physiologie, den letzten Wissensresten, welche die Naturwissenschaften der Philosophie gelassen hat. Die Liebe ist für Nietzsche der höchste Rausch: um Gott zu lieben, müssen wir ihn personifizieren. Aber das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: er starb zwar nicht daran, aber er entartete zum Laster.

Faust ist nunmehr ohne Rausch undenkbar. Das Hören der Fuge, ohne den Anspruch berauscht zu werden, ist nicht mehr glaubhaft.
“Erheben”, “Erhabensein”, wendet sich in “Besessensein”, ist nunmehr Graduierung eines Rauschzustandes. Romantik letztendlich gipfelt in der Formel “hilflos besoffen im Gefühl”. Die Verklärung der Dinge geschieht nun unter heftigster Beschwörung des
Geschlechtstriebes, der zum Geschlechtsrausch führt, die Beschwörung der Grausamkeit, das Zelebrieren dunkelster Gefühle.
Faust der mit Bachschen Fuge Gott berührte, verfällt der Trunksucht: das Mehr an Kraft, das ihm die Fuge gab, gibt ihm die Gewissheit, dass alle Musik ihm nunmehr Machtzuwachs gewähren. Das Symbol des romantischen Organisten welcher an einer Riesenorgel einer gotischen Kathedrale, die Transfigurationskraft des Machtrausches ins Religiöse noch umzudeuten weiß, indem er das Gottverlangen der Gemeinde mit seiner Person verbindet: Organisten tauchen nun auf, mit Namen (und diese Talente werden damit numinos). Wohl der erste Name hier Abbe Vogler.
Jene faustische “Unendlichkeit im Busen” gehört zum Rausch, als hohes Machtgefühl, sagt Nietzsche, das wird durch den “unendlich angehaltenen ” Ton der Orgel verstärkt, es ist der Resonanzboden der Ewigkeit.
Die Renaissance erschuf den schaffenden Künstler, die Spätgotik, in der Musik unsinnigerweise und negativ “Barock” (man hätte es bei der Bezeichnung der Baukunst belassen sollen- ein Fehler des ausgehenden 19Jh) genannt, gab uns das Genie und damit Bach, die Romantik den Interpreten, den Priestermittler zwischen Gemeinde und Gott durch die Fuge.
Das Zeitalter der Romantik schuf die Rauschmittel unter dem die heutigen Zivilisationen am meisten leiden: “Wagner” und das “Heroin”. Anders ausgedrückt “die Filmmusik” und die “tägliche Dosis Television”. Der Abfall von der Fuge in seiner Gottesdirektheit ist Faust nicht bekommen, das erkannte er sehr wohl.
Nie hat Faust “Glück” gesucht. Das vollkommene Missverständnis eines zu Grunde gegangenen Sozialismus zeigt uns das. Noch mehr die Zeit der Weltkrieg(e), die jedem beteiligtem Volke von vorneherein weniger Glück versprach, dafür aber mehr Rausch. Nationalismus, Rassismus, Orgelbewegung, Militarismus, Jugendschriftenbewegung, Wanderbewegung, - alles dies sind Zeichen, ja fast Symbole für Faustens dunkles Verlangen “Ja-Zusagen”, emporzustreben, das Numinose neben der Fuge zu suchen, nicht aber zu finden. Erstaunlich ist dabei, dass Faust die Berührung mit der Fuge, mit Bach, nie fahren lässt. Immer noch hält er Kontakt zu seinem Mittler, mit dem er einst das Höchste und Größte erfahren hat.

Unendlichkeitsstreben der faustischen Seelen leiten die Kraftströme um in technischen Gigantomismus, in Größenwahn, - auch ein Rausch, endet im Genozid.
Etwas, das wir nicht mehr weiter mit der Formel “Faust” untersuchen dürfen, weil wir alle Quellen ins Fragwürdige verlegen würden. Alles was mit der Vernichtung des Jüdischen Volkes zusammenhängt, kann nur sittlich, nie ästhetisch hinterfragt werden.
Die Sehnsucht des faustischen Menschen, den wir auch als europäischen Menschen bezeichnen könnten, wären hier irgendwelche greifbaren Grenzen der Gegenwart oder der Zukunft zu benennen, ist aufgrund des technischen Kollapses der Gegenwart überhaupt nicht mehr möglich.
Oswald Spengler, dessen Faust ich hier neu nachzeichnete, der herausragende Kulturphilosoph der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, hat in seiner Schrift “Der Untergang des Abendlandes”, den faustischen Menschen am Ende gewähnt. Einem Standpunkt, dem man sich als Zeitgenosse von Bill Gates, Andy Warhol und “pulp viction” unbedingt anschließt.
Bach hat für Musiker geschrieben, und diese hören seine Musik noch heute - aber Faust, dieses unheimlich starke Symbol seit über 500 Jahren, für das das unergründliche Streben des Mitteleuropäers steht, dieser größte deutsche tragische Gedanke, dieser Faust ist nach Phasen der Dunkelheit, der Gottesansichtigkeit durch die Fugen Bachs und dann nach Phasen der Trunkenheit, eines heriditären Tremors und eines Ausfließens in beliebige Klatsch-und Lachspiele völlig verkümmert.
Unlängst las man in einer Orgelfachzeitschrift, die Bachschen Fugen seien nun schleunigst aus den Kirchen zu retten, wie bei einem Kirchenbrande: wenigstens “Bach”, wenn sonst auch alles in Flammen aufgeht. Dies erschien, als wollte man die Sexualität von “Herbert Heinz Günter Müller” bewahren, indem man ihm seiner Sexualorgane beraubt - oder man tauscht Lieschen Maier-Kürschnaus’ Schweisstuch gegen das Turiner des Herrn, um mit dem Schädel auf platten Boden aufzuschlagen.
Der Eine möchte in unerkannte Dimensionen vorstoßen, der Andere seinen klar bezeichneten drei Trieben Auslauf lassen, so wie man eben seinen Hund auf die Wiese springen lässt. Beiden gemeinsam ist nur der “angelsächsische Wille” oder das “Glücklichsein der Herde auf der Weide”. Etwas, das der antike, der indische und chinesische Mensch vor der Globalisierung nicht kannte.
Diese vollkommen unfaustische, materialistische, unkünstlerische Akt “Dekorationen” anstelle von Kunst zu bewahren, diese peinliche Dummheit, der Gedanke der Sicherung von Kulturelementen für das platte Anglotzen statt Schauen, wie vorhin genannt, und wie sie nur in kirchenmusikalischen Kreisen diskutiert werden können, ist bezeichnend für das Verschwinden der Idee des “Faust” auf mitteleuropäischer Erde. Es bleibt, nicht darüber zu lamentieren, was eine Ästhetik wert sein soll, die von “Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ” singt, aber nicht mehr an ihren Inhalt glaubt. Wieviel Oberfläche brauchen wir, um daran zu ersticken?
Die Idee des “Christentums” wiederum ist ohne “Faust” undenkbar. Faust aber ist, wie wir nun bemerken: unübersehbar tot.
(gwm)

Die 20 Sätze Epikurs

Juli 29th, 2009

Von Epikur ist nicht viel echt Originales erhalten. Ich hoffe diese Sätze sind nachweisbar:

1) Gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod uns nichts angeht: denn alles Gute und Schlimme beruht auf Empfindung, der Tod aber besteht eben in der Aufhebung der Empfindung. Deshalb ermöglicht uns die richtige Erkenntnis, dass der Tod uns nichts angeht, erst den vollen Genuss des sterblichen Lebens, indem sie nicht an dieses ein Dasein von unendlicher Dauer ansetzt, sondern indem sie die Sehnsucht nach Unsterblichkeit beseitigt: Denn nichts ist im Leben für den furchtbar, der wirklich den Gedanken erfasst hat, dass im Nichtleben nichts Furchtbares liegt.

2) Lebe im Verborgenen!

3) Wer den Frieden der Seele hat, beunruhigt weder sich noch andere.

4) Die Krone des Seelenfriedens ist unvergleichlich wertvoller als die Krone der Herrschaft.

5) Es ist besser, frohen Mutes auf Stroh zu liegen, als auf goldenem Stuhl an üppiger Tafel seine Ruhe verlieren.

6) Die schönste Frucht der Genügsamkeit ist Unabhängigkeit.

7) Bei jeder Begierde sollte man die Frage stellen: Was wird nun, wenn sie befriedigt wird, und was, wenn sie nicht befriedigt wird.

8)Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.

9)Im Unglück tröstet der Gedanke an die Freude, die das Verlorene gewährt hat, und die Erkenntnis, dass sich das Geschehene nicht ungeschehen machen lässt.

10)Wer des Guten nicht mehr gedenkt, das ihm geworden, der ist in seinem Herzen ein Greis.

11)Eine kleine Seele wird durch Glück übermütig, durch Unglück niedergeschlagen.

12)Es ist etwas Edles um fröhliche Armut.

13)Man kann mit Zeus an Glückseligkeit wetteifern, wenn man Brot und Wasser hat.

14)Der Zufall spielt für den Weisen eine unbedeutende Rolle: er ordnet sein Leben mit seinem Verstand.

15)Solange man noch auf dem Wege ist, muss man versuchen, den nächsten Tag immer besser zu gestalten, als der vorhergehende war; sind wir aber am Ziele so mag ein Tag an Fröhlichkeit dem andern gleichen.

16)Tue nichts im Leben, was dich beschämt, wenn es dein Nachbar bemerken würde.

17)Wähle dir einen tüchtigen Mann und stelle ihn dir immer vor Augen, damit du gewissermaßen unter seinen Augen lebswt und alles tust, als ob er es sähe.

18)Unter allem, was zu einem glücklichen Leben beiträgt, gibt es kein größeres Gut, keinen größeren Reichtum, als die Freundschaft.

19)Nicht durch Mitklagen, sondern durch Mitsorgen und Helfen soll man seinen Freunden seine Teilnahme gezeugen.

20)Wenn die Götter die Gebete der Menschen erhören würde, so würde es allen Menschen schlecht ergehen: soviel Schlimmes erbitten sie fortwährend für einander.

gwm

was unterscheidet die Romantik mit dem Nebenzustand, der heute herrscht?

Mai 1st, 2009

Wir können uns auf verschiedene Art und Weise der Romantik nähern: über Safranski, über Wagner, also über Musik schlechthin, über Oscar Wilde, über Novalis, über Winckelmann, über die ästhetische Erziehung von Schiller, über Hölderlin, oder…
Aber nie können wir uns der Romantik nähern, indem wir ein solch stumpfes Schwert, wie das des Begriffes der “Neoromantik” benutzen. Ein verrauchtes Hirnprodukt das im Nebel der heutigen Beliebigkeiten absolut nichts mehr besagt. Es wäre als wollte man das ganze Artifizielle, die ganze romantische Ästhetik gleichsetzen mit der Scheinwelt eines Heroinabhängigen.
Wenn Nietzsche das “Kranke”, Dekadente, das Kraftlose seiner Zeit angriff, ankämpfte, die Allesamt an wagnerscher Musik hing, wie heute jedermann am Fernseher hängt oder anderen Plattheiten seinen geistigen Bürstenschnitt nieder hält, selbst ein “Süchtiger” und “Kranker” war, der Erlösung suchte, dann erst begreift man langsam was die Romantiker, in vorderster Reihe wohl Novalis und Hölderlin, angerichtet hatten.
Weil die Schönheit, die man als eigenen Wert entdeckt hatte, nur mit dem Gefühl erkennen konnte und nicht mit der Ratio, war nun am Ende des 19.JH mit dem herbeigesehnten Untergang aller Religion ein plötzliches, akutes geistig-seelisches Vakuum entstanden, dass Nietzsche als Nihilismus entlarvte.
Safranski hat über die Romantik ein Buch geschrieben, bei dem man gerne einschläft, weil es in Richtung Gebrüder Grimms Erzählungen deutet, und eine wichtige These so völlig daneben liegt. Nämlich, dass die 68er Bewegung aus der Romantik ihre Einflüsse bezog.
Hierzu nur ein gutes Gegenargument von Meindert Evers “Das Problem der Dekadenz. Thomas Mann & Nietzsche”: Der Sozialismus ist Moralismus und dieser verträgt sich nicht mit einer ästhetischen Schau. Die eine Haltung will die Welt verbessern, die andere die Welt in einer ästhetischen Optik gutheißen. Romantik ist so gesehen “Reaktion von rechts” und hat nichts mit den “Linken” zu schaffen.
Natürlich können wir auch heutige Zustände mit den Begriffen der Romantik formulieren, aber damit tun wir der Romantik keinen Gefallen. Wenn ein Bierbauch, wie jeden Tag, 6 Stunden sein einfaches Gemüt von der Manipulationsdroge Nr.1, dem Televison bescheinen lässt, davon zu reden, dass sich hier ebenfalls etwas “Artifizielles ” tut, dann beutzen wir die falschen Begriffe für unvergleichliche Zeiten und Menschen. Das Dämmern eines Einfaltspinsels ist nicht vergleichbar mit der ästhetischen Konstruktion eines Marcel Proust.
Eine Zeit, wie die heutige, die ihren absoluten Schwerpunkt in der Technik gefunden hat, und damit alles totschlägt, was sich ihr kritisch nähert (im Sinne von den Zustand ändern wollen), die ist mit anderen Begriffen zu verankern. Und in gar keinem Fall ist es hier angebracht noch von “Kultur” zu reden, sondern ausschliesslich von Zivilisation. (Wie das Spengler in “Untergang des Abendlandes” formuliert hat).
Wir haben jetzt also nach rund einhundert Jahren Weltkriege und Technik als Nachfolgejahrhundert nach der Romantik (wenn man diese Romantik, die wir im Orgelbau z.B. bis 1916, mit dem Tode von Max Reger, datieren) einen Zeitpunkt erreicht, der an einem Übermaß von Vertilgung alter Zeiten lebt. Weil eben nichts nennenswertes Neues mehr geschrieben, komponiert, gemalt wird, und der daher schnell bei der Hand ist, sich “Titel” wie Romantik herbeizuschaffen. Jedermann will sich solche Orden umhängen, um eindeutig identifiziert zu werden und so in der allgemeinen Beliebigkeit etwas Solides dazustellen.
Die Romantik wollte auch ausreissen, entweder zu den alten Griechen oder ins Mittelalter, aber eben, wie gesagt, artifiziell.
Da hatten sie noch jenen Nietzsche, der vor dem Historismus gewarnt hat: Vergessen ist genauso wichtig wie Erinnern.
Nach all diesem Wortschwall ein gesungenes Wort, wieder von Nietzsche:
“Sie hätte singen sollen diese neue Seele - und nicht reden”

gerhard@walcker.com

Robert Spaehmann’s nietzscheresistenter Gottesbeweis

April 26th, 2009

Dank der Physik ist es möglich, dass wir heute satellitengesteuert mit dem Auto fahren können oder pünktlich von einem Ende der Welt zum anderen reisen. Ja mir ist es heute noch völlig schleierhaft, wie sich die riesigen Düsenjets mit mehr als 350 Personen und Koffern in die Lüfte erheben, um dann auch noch perfekt auf dem richtigen Flughafen wieder zu landen. Das, obwohl die ganzen Grundlagen, auf denen diese Berechnungen beruhen, eindeutig gegen den menschlichen Sinn ausgerichtet sind. Denn Mathematik beruht ausschliesslich auf Abstraktion und nicht auf den realen, handgreiflichen Dingen, die wir sehen, riechen und fühlen können. Weil es eben keine zwei identische Dinge in unserer Realität gibt, keine zwei identischen Äpfel, nicht einmal zwei identische Schneeflocken. Deswegen kann die Mathematik mit ihrer einfachsten Rechnung, 1+1=2, reell niemals nachgewiesen werden.
Mathematik findet in unseren Köpfen statt. Ein Apfel und eine Birne, das ist etwas Obst; diese Aussage ist praktisch schon so ungeheuer kompliziert und abstrakt, dass sie bei primitiven Völkern kaum verstanden wird. Ein Volk, das den Begriff “Obst” nicht in seinem Sprachrepertoire hat, wird diese Aussage also überhaupt nicht verstehen können. Erst als man in Europa das römische Zahlensystem gegen die arabischen Ziffern ersetzte, war es auch möglich komplexere Berechnungen bis hin zu den extrem schwierigen Begriffsbildungen heutiger Wissenschaften vorzunehmen. Was also besagt, dass unser heutiges Verständnis von “Welt” mit der Komplexität von Begriffen einhergeht. Was letztendlich zu dieser hohen Spezialisierung geführt hat.
Wie sieht dies ausserhalb der Wissenschaften aus. Müsste es da nicht auch möglich sein Dinge zu beweisen, die wir sinnlich überhaupt nicht mehr erfahren können? Ich meine: Ja!
Wie in den Wissenschaften, wo vor dem wissenschaftlichen Beweis der Glaube steht, der bewirkt, dass man eine bestimmte Wissenschaft studiert und beweisen will, dass dieser Wissenszweig seine Berechtigung hat, genauso kann man einen religiösen Glauben beweisen oder das Gegenteil davon.
Ich möchte zwei der bekanntesten (und eingängigsten) Beweise hier darstellen:
1. Friedrich Nietzsches Beweis, dass Gott tot ist, und
2. Robert Spaehmanns Gottesbeweis, der auch von Nietzsche akzeptiert werden müsse

1. Zunächst also ein sehr geradliniges und einfaches Argument Nietzsches für die Abwesenheit Gottes:
“Die Redlichkeit Gottes.- Ein Gott, der allwissend und allmächtig ist und der nicht einmal dafür sorgt, dass seine Absicht von seinen Geschöpfen verstanden wird, … der die zahllosen Zweifel und Bedenken fortbestehen lässt, Jahrtausende lang, als ob sie für das Heil der Menschheit unbedenklich wären, und der doch wieder die entsetzlichsten Folgen bei einem Sich-vergreifen an der Wahrheit in Aussicht stellt? Würde es nicht ein grausamer Gott sein, wenn er die Wahrheit hätte und es ansehen könnte, wie die Menschen sich jämmerlich um sie quält?

2) und nun zwei Argumente Robert Spaehmanns

2a) was Nietzsche prinzipiell bei den Gottesbeweisen in Frage stellte, war die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und damit der Gedanke von so etwas wie Wahrheit überhaupt. Gottesbeweise kranken sämtlich an dem, was Logiker eine petitio principii nennen. Beweise, die das voraussetzen, was sie beweisen wollen - also Gott. (z.B. der nachfolgende Satz : Da der Papst unfehlbar ist, ist alles was er glaubt wahr. Er glaubt unter anderem auch unfehlbar zu sein, also ist er in der Tat unfehlbar). Umgekehrt, wer die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft, wer die Geltung des Widerpsruchprinzips leugnet, der kann überhaupt nichts mehr sagen. Die These: es gebe keine Wahrheit, setzt Wahrheit zumindest für diese These voraus. Sonst landen wir im Absurden. Und hier antwortet Nietzsche: Wer sagt uns, dass wir nicht im Absurden leben?
Und an diesem Punkte, wo alle Waffen abgelegt sind, entgegnet Spaehmann: genau dieses Argument Nietzsches beweist eines, nämlich die Wahrheitsfähigkeit des Menschen ist an die Existenz Gottes gebunden. Wir können das eine nicht ohne das andere denken. Wir können nur beides zugleich haben. (oder wir akzeptieren Nietzsches Absurdität, wo ohnehin alles egal ist) Übrigens ist bei aller Sinnlosigkeit des Menschenlebens immer noch das Argument Schopenhauers, wenigstens die Leiden auf das minimalste Maß zu drücken, ein schwerwiegendes. Vorausgesetzt natürlich man glaubt an die Sinnlosigkeit.

2b) Die Spur Gottes in der Welt, von der wir heute ausgehen müssen, ist der Mensch, sind wir selbst. Und diese Spur, die wir selbst sind, existiert nicht, ohne, dass wir es wollen, wenn auch Gott vollkommen unabhängig davon existiert.

2c) dass Wahrheit Gott voraussetzt, will Spaehmann mit einem “nietzsche-resistenten” Gottesbeweis beweisen. Ein Gottesbeweis aus der Grammatik. Aus dem futurum exactum. Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. Beispiel: Dass ich am Abend des 25.April 2009 zwischen 19.30 Uhr und 19.45Uhr ein Käsebrot verspeist habe, war nicht nur an diesem Abend wahr, sonder es ist immer wahr. Das Gegenwärtige bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich. Aber die Spuren werden schwächer und schwächer. Und in 450 Milliarden Jahren ist der Vorfall des “Käsebrotessens um 19Uhr30″ aus allen Erinnerungen der Welt gestrichen. Dennoch, auch im Jahre 450.002.009 ist dieser Vorfall wahr, so, wie eine Versteinerung aus dem Jahr 220.000 v.Chr. als solche wissenschaftlich gedeutet werden und damit in die Erinnerung zurückkehren kann. Da wir aber in dem ersten Beispiel mit Sicherheit keinerlei Möglichkeiten mehr haben werden eine Erinnerung daran aufzubauen, muss, damit Wahrheit ewig sein kann, ein Bewusstsein gedacht werden, in dem alles was geschieht, aufgehoben ist. Ein absolutes Bewusstsein.
Ich fürchte wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben, schrieb Nietzsche. Aber auch Nietzsche konnte nur schreiben, was er schrieb, weil er das, was er sagen wollte, der Grammatik anvertraute.

gwm 25.4.09 20Uhr42

Wie Glaube sein muss… - nach Heidegger

April 26th, 2009

aus “Metaphysik”, Martin Heidegger. (aus Notizen, teilweise aus der Erinnerung zitiert, gwm)
(…) Seite 5
Aber andererseits ist jener Glaube, wenn er sich nicht ständig der Möglichkeit des Unglaubens aussetzt, auch kein Glauben, sondern eine Bequemlichkeit und eine Verabredung mit sich, künftig an der Lehre als einem irgendwie überommenen festzuhalten. Das ist dann weder Glauben noch Fragen, sondern Gleichgültigkeit, die sich nun mehr mit allem vielleicht sogar sehr interessiert beschäftigen kann, mit dem Glauben ebenso wie mit dem Fragen.
(…)
Zunächst denke ich, ist Glauben immer eine Sache von Zweifeln. Nur die welche den Zweifel fürchten, weil er ihre Idylle erschüttert, nur die glauben unbeirrt. Dieses unbeirrte Glauben ist ein unerbittlicher Befehl an sich selbst nie zu zweifeln, was zu dieser kritiklosen Auswüchsen führt.
Eine Schwierigkeit kommt da auf, wo ich mir Glauben denke, der sich die Option auf Unglauben offenhält, das ist mir zunächst einmal völlig unverständlich. Aber es ist klar, das Glauben den Zweifel braucht und den Abgrund zum Unglauben. Glauben braucht die Frage, das Hinterfragen, das ungläubige Staunen. Der Glaube braucht das fragende Kind und das Hinterfragen.
Die Mechanik mit der viele Gebete gesprochen werden, mit der Gottesdienst betrieben wird, die Mechanik zu zerstören und neue Kräfte freizumachen mit Unglauben, das ist es, wie es sein muß. Dieser ritualisierten Automation den Hahn abdrehen und sagen, das kann kein Gott gewollt haben, das gebiert einen neuen Glauben.
Gleichgültigkeit darf nie im Bereich des Glaubens einkehren, Glaube muss immer Flamme sein.

über den Begriff der “Liebe” in Kierkegaards Schriften

August 5th, 2008

01 einleitende Gedanken
Kein anderer Philosoph hat sich so gründlich mit dem Begriff “der Liebe” auseinandergesetzt, wie Kierkegaard.
Seine beiden als Taschenbücher erschienenen Werke “Der Liebe Tun” sind das Schönste und Ermunterndste, was je in Philosophie erschienen ist.
Aber was ist “Liebe”? Was ist Liebe bei Kierkegaard, habe ich mich immer wieder nach Lektüre dieser Bücher, die zu meinen wichtigsten Bücher überhaupt nun zählen, gefragt.

“Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst!” ist das zentrale Gebot des Christentums, das für Kierkegaard zu den Grundfesten seiner Ethik gehört. Hieraus leitet sich sein Begriff der Liebe ab.
Wir finden dort in diesen seinen geschilderten Büchern folgende Sätze:
“Die Liebe verbindet Zeitlichkeit mit Ewigkeit” Band 1 Seite 8
“Die Liebe ist des Geistesleben tiefster Grund” Band 2 Seite? - das hätte auch Nietzsche sagen können, allerdings nicht in dieser offenen und fast naiven Form.
“Liebe glaubt alles - und wird doch niemals betrogen.” Band 2 - -Seite 260

Dieser letzt zitierte Satz knüpft an etwas an, das für die Kierkegaardsche Philosophie ganz elementare Bedeutung hat: “der Glaube”.
Liebe und Glaube sind also bei ihm unzertrennbare “Existentialien” zu einem Leben, das wir heute als die letzten “Sinnsucher” ganz grundsätzlich bejahen müssen.

Gespenster

Mai 25th, 2008

„Was verstehen Sie unter „Schaffen?“, war kürzlich eine Frage eines Internetbesuchers, der diese Formel auf einer unserer Internetseiten fand. Nach kurzem Überlegen übermittelte ich ihm die Antwort: “Ich schaffe mir meine Gespenster selbst!. „Und wenn es geht, so setze ich am tiefsten Punkt des Ozean an, noch tiefer zu graben“. Dort also, wo der äußerste Druck am stärksten wirkt. „Denn, wo die Gefahr am Größten ist, da wächst das Rettende auch“ so Nietzsche. Eine Erfahrung, die sich mit der meinen absolut deckt. Das Erschaffen setzt immer Bewusstheit voraus. Denn jeder ist ,ob er will oder nicht, von einem Heer an Gespenstern umgeben: „Barockorgeln, Kommunismus, Goebbels als Humanist (Reichling), die Materie, die Idee, Freiheit und Demokratie, die Geister(s)-Wissenschaften, Naturwissenschaften und so weiter“. Also alles Konstruktionen, die uns den Konstruktivismus sehr nahe bringen. Dieser allerdings bringt das Handicap mit sich, dass dann absolut kein fester Grund mehr unter den Füssen ist. Wo also wäre dann Gott? Nichts zum Fingernägelkauen für hobelnde und beratende Zünftler. Das entscheidende Merkmal ist die zu erhöhende Bewusstheit, die sich in größerem „Verständnis“ äußert, was früher (oder auch heute in der Hermeneutik) „Wissen“ genannt wurde, und was heute mit dem Wissen von technischen und wissenschaftlichen Fakten verwechselt wird. Da entsteht nämlich nur eine begrenzt erweiterte Bewusstheit. Dank dem Computer können wir sehr gut von faktischem Wissen und menschlichem Verständnis unterscheiden. Der Banalität der Fakten entkommen ins Reich, in dem die Dinge tanzen, weil die Musik stimmig ist, das soll die Aufgabe sein. Und ist im Übrigen ein beinahe “lutherischer” Ansatzpunkt: “ins Reich kommen”.

Pfingsten

Mai 12th, 2008

Pfingsten =der fünfzigste Tag, Entsendung des Hl. Geistes. Ich weiß nicht, ob sich je schon einer Gedanken gemacht hat, was das bedeuten soll. Fünfzig, so meine Interpretation heißt 7×7 plus 1, für Eingeweihte: 7 Metamorphosen und eine Nacht musst du dich gedulden um die ersehnte Weisheit zu empfangen, mit der du in der Sprache reden kannst, die nachhaltig wirkt. Andere schweigen danach für immer. Das ist teilweise tiefsinnige hellenische und erst später jüdische und dann christliche Symbolik. Will sagen, auch untergegangene Kulturen wirken in ihren wesentlichsten Kräften weiter. Unsere heutige Psychologie redet da von Biorhythmus, was vor 3000 Jahren im griechischen Mythos längst gesagt war. “An die Wissenschaften muss man genauso glauben, wie an die Glaubensinhalte von Religionen”, habe ich vor kurzem einem befreundetem Organisten gesagt, der die Formel auf seinen unmittelbaren Bereich bejahen konnte. Aber eigentlich meine ich speziell die Naturwissenschaften; und am Ende meine ich den Glauben an Raum und Zeit, der für mich irrsinniger ist, als der Glaube an die Jungfrau Maria. (Besonders der von den Kosmologen A.Linde und A.Vilenkin postulierte Glaube an die Polykosmologie und Gegenwelten). Entgegen dem christlichen Sendungsgebot an die Nachfolge, das am heutigen Pfingsttag durch den Hl.Geist geoffenbart wurde, war bei den Phytagoreern nicht das Sprechen in neuer Sprache, sondern das Schweigen für sieben Jahre, unabdingbare Vorraussetzung, um als Eingeweihter dazuzugehören. Beide handelten trotz gegensätzlicher Handlungsweise auf göttlichen Befehl. Darauf kommt es an. Leider aber nicht absolut: denn jeder Selbstmörder, der sich in Bagdad unter Menschenmengen in die Luft sprengt, meint im Auftrag eines göttlichen Befehls zu handeln.

Ersatzreligionen

April 15th, 2008

“Wir im Westen sind eingetreten in das Zeitalter eines säkularisierten Polytheismus”, “in der pluralistischen Gesellschaft gibt es viele Götter, viele Wertorientierungen, eine Vielzahl von religiösen und halbreligiösen Sinnbestimmungen. Während die großen Kirchen sich leeren, wächst das Angebot für den religiösen Hobbykeller”. So diagnostiziert Rüdiger Safranski* Kirche und Religion heute. Aber, ob es uns nun passt oder nicht, nach dem Abgang der “Ersatzreligionen Faschismus und Sozialismus” in Mitteleuropa, haben wir seit dem Dreißigjährigen Krieg ein beständiges Abtriften vom großen mittelalterlichen Einheitsglauben hin zum esoterischen Kegelclub. (Bei Hitler war es noch ein Bierkeller - und es wird mir mehr und mehr unverständlich, wie man diesem vor Ekel triefendem Idioten, mit seinem Wiener Vorstadtdialekt und pausenlosen Drohungen, so derb eingefallen ist.) Bei der Entwicklung zum Individualismus stand die Ökonomie Pate; und es bedarf nur weniger Phantasie, die Implusion “jenes Glaubens” auf äußerer Werte vorherzusehen, nachdem die letzte Bank ihre Milliarden abgeschrieben hat. Die Auseinandersetzung zwischen Morgenland und Abendland ist so gesehen ein Kampf um eine Differenz von 500 Jahren. Denn die Araber hatten keinen Dreißigjährigen Krieg und sind heute nach unserer Geschichtsschreibung mitten in der Gotik (dazu passt auch Dubai). Daher konnten Sie nie aus einem Ihrer Münder hören, was wir schon seit über 200 Jahren in guten Gymnasien erfahren durften: “Ich bekämpfe deine Meinung, aber ich kämpfe darum, dass du sie sagen darfst” Voltaire - Was ist Toleranz.
*Safranski ist einer der ganz wichtigen Denker des heutigen Mitteleuropa. Ich habe nie eine schärfere und verständlichere Analyse der heutigen Gesellschaft gelesen, als in seinem Buch “Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch”. (gwm)