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Von der Zivilisation zur Apokalypse: Guenther Anders und andere Apokalyptiker

Sonntag, April 3rd, 2011

Man kann die Geschichte der Menschheit, die ja, wenn man stark vereinfacht nur 20.000 Jahre zählt, also weit weniger als die erste Halbwertszeit des in Fukushima ausgelaufenem Plutoniums, ein ebenso stark vereinfachtes Rechenspiel anstellen. Ich denke mir, wenn es schnell gehen muss, das Haus brennt, in zwei Miinuten explodiert der Öltank etc.., dann ist es erlaubt das zu tun.
Hier also meine Geschichte der Menschheit in drei Zeilen:

Abholzen + Verbrennen = Kultur (Prometheus)
Kultur + Technik = Zivilisation (Antike)
Zivilisation - Kultur = Apokalypse (Moderne)

Ich habe versucht diese Entwicklung auf einen Dreisatz zu bringen, der absichtlich ein schräges Gefälle aufweist, weil durch eine zu offensichtliche Klarheit die Wahrheit verwischt werden würde.
So unterscheiden wir natürlich zwischen der griechischen Techne und der heutigen Technik.
Ehemals, als man nur einfachste Werkzeuge kannte, ging von diesen keine Gefahr aus, während heute die Maschine den Menschen domestiziert und nur noch Freiheit darin besteht, dem “freien Geist” einige “Clicks und Buttons ” zur Wahl zu stellen, während der Verzicht auf Computer, Kfz oder Bahn, Kohle, Kernkraft oder Windenergie, in aller Konsequenz nie mehr erlaubt sein wird.
Selbst stoische Nonkompromissler, die keinerlei Technik an sich herankommen lassen wollen, hätten mit der “Unfreiheit” zu kämpfen, permanent an die Maschine denken, um ihr ausweichen zu können. Das würde dann sogar ihren ganzen Lebensinhalt ausmachen. Die Gesellschaft hingegen hat sich auf die Maschine geeinigt, ebenso darin sich den Bedürfnissen der Maschine anzupassen.
Das heißt, die Gesellschaft hat sich ständig den Bedürfnissen, der Logistik und den durch die Maschinen vorgebauten Strukturen völlig zu unterwerfen.
Auch beim Abschalten aller Atomkraftwerke werden wir ständig durch die jeweilig vorherrschenden Technologien auf deren Gefahren und Schädigungen erinnert und werden dadurch ins Glied gestellt.
Dazu kommt, dass der Mensch, der maßlos Energie verbraucht, immer daran erinnert wird, dass der größte Teil aller anderen Menschen dies nicht tun kann, weil dieser die Mittel dazu nicht hat.
Jenes Belohnungssystem, das den Ausschluss aus dem begüterten Reigen sehr schön anhand der täglichen Tagesschauen mit drohendem Zeigefinger ins letzte Zimmer strahlt, zeigt Wirkung in der Form, dass wir kaum in Europa mit grundsätzlicher Systemkritik, nicht einmal bei den kritischen Philosophen rechnen können. (mein nahezu gesamter Bekanntenkreis hat sich in den letzten zwei Jahren dahingehend aufgelöst, dass man nun “sehr kritisch” die “Daumen” bei Facebook abhakt, und in dieser eher in Richtung Rinderherde mutierenden Gesellschaft, die sich gegenseitig Mut zumuht, anstatt gerade einer solchen offensichtlichen Verdummung Platz zu machen, wäre es an der Zeit laut aufzuschreien, wie von Munch gemalt)
Die Katastrophe ist also nicht das ins Chaos abdriftende Kernkraftwerk in Fukushima sondern der technische Alltag eines modernen Europäers, der keinerlei Bewusstheit für diese alltägliche Katastrophe aufkommen lassen will. Die Katastrophe ist die Logik dieses Weges, der in der Apokalypse münden muss, wie es Günther Anders in “Die Antiquiertheit des Menschen (1)” bereits im Jahre 1954 so detailliert vorausgesehen hat, dass man die Konsequenz dessen, was wir in den nächsten Jahren erleben werden, dort eingemeißelt in bleischweren Lettern zur Kenntnis nehmen können. Was uns wahrlich keinen Trost bringen wird.
Das Problem allerdings ist, dass wir mit den Thesen von Apokalyptikern (auch von der Ausnahme des Jesus von Nazareth) nicht unser Tagesgeschäft organisieren können. Der Mensch braucht dazu Hoffnung und über die Philosophie hinausgehenden Ratschluss.
Wer allerdings nie über die Banalitäten seines Alltags hinaus sieht, wer nie Internet, Television, “die Steckdose”, den unbedingt notwendigen Kleinwagen, seine Fließbandarbeit und was noch alles für Kram, in Frage stellen kann, wer seinen Alltag nicht explodieren lassen kann in einen neugeborenen Stern, der mit sprühender Leuchtkraft seinen eigenen ganzen Kosmos erhellen kann, der sollte erst gar nicht versuchen diesen kleinen Artikel zu verstehen, weil er dort vergebens nach “Nutzen” und anderen Dingen sucht.
gewalcker@t-online.de

Kairo, Pyramiden und Götter

Sonntag, Januar 30th, 2011

Wer die fünfundzwanzig Kilometer von Kairo entfernten Pyramiden sehen will, muss über die Styx der nebelschwarzen Autobahn, wohin ihn Charon im Taxi überführt, und was dem so Überführten Lunge und Nase zudrückt. Auf Letztere komme ich gleich zurück.
Dann wird er sehen, dass der Schleim ums Areal der Heiligtümer so stark angewachsen ist, dass er das “Heilige” nicht mehr erahnen kann. Touristen, Wasserverkäufer, stinkende Kamele und am Touristen gesättigte Araber verübeln jeden Ausblick, jenes Geheimnis der Pyramiden wahrnehmen zu können. Als ob die Pharaonen solche Grauzone vor ihren Grabstätten mit Absicht hätten anwachsen lassen. Eine Technik, wie sie Nietzsche bei seinen Schriften angewandt hat, indem er platte Wahrheiten um seine Aphorismen gestreut hat, um den Flachköpfen etwas an die Hand zu geben, das ihre von Facebook&Co plattgewalzte Seele mit Stolz und Wissen füllt, während die schön versteckten, geheimen Wahrheiten nur den Eingeweihten zugänglich sind. Gründe warum man Nietzsche und die Pharaonen lieben muss: sie bewahren uns vor der sogenannten “nüchternen” Realität.
Mit Entsetzen habe ich die Sphinx betrachtet, das größte abbildnerische Monument der Menschheit, weil man ihre Nase abgeschlagen hat. Schon im ägyptischen Museum in Kairo ist mir sofort aufgefallen, dass allen Standbildern die Nasen abgeschlagen wurden. Ich vermutete irgend ein religiöses Ereignis in den 1000-2000 Jahren vor der Zeitrechnung, bei dem Religionsansichten gewechselt hatten und die alten Götter entrechtet wurden. Nicht ganz falsch war diese Ansicht, aber ich wurde eines viel durchsichtigeren Argumentes belehrt, nachdem ich einen Kulturbeitrag gerade über die Sphinx auf irgendeinem TV-Kanal betrachtet hatte. Der Sphinx wurde dieser riesige Felsen, der ihre Nase darstellte, ziemlich genau ums Jahr 1450 abgehauen, weil die damalige Bevölkerung immer wieder zu den pharaonitischen Göttern gebetet hatte, wo doch seit etwa 700 n.Chr. Die Araber ins Land kamen, die Ägypter vertrieben und nun Mohammeds Islam einzig gültige Religion im Lande war. Erstaunlich, dass die Islamisten die Nase jener Götter für so elementar wichtig hielten.
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Ein Zeichen dafür, dass diese Religion der Pharaonen richtiggehend lebendig war. Man gehe nur einmal in solch einem Januarmorgen hinaus aufs Feld, lasse dort die Sonne auf die Ackerschollen scheinen und ziehe diesen Geruch durch die Nase ein, wenn man Glück hat und ein Brombeerstrauch ist in der Nähe, wird man um so mehr vom Leben verstehen, das nur durch die Nase gewittert werden kann. Und man sehe sich das Bild an in dem Osiris dem Pharao das Ankh (das altägyptische Kreuzsymbol bei dem der obere Balken wie ein Mund geöffnet ist) an die Nase hält.
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Prozession der ewigen Wiedergeburt. Das Ankh übrigens ging als Kreuz in bei den koptischen Christen ein. Schließlich sind Joseph und Maria nach Ägypten geflohen, vor ihren Schächern. Die Kopten fühlen sich als alte Ägypter in der Nachfolge der Pharaonen: das sind die Auseinandersetzungen zwischen Arabern und “Kopten-Christen”. Mit Christenverfolgung hat dies absolut nichts zu tun, das sind eher vatikanische oder mediale Interpretationen unserer Informationsgesellschaft, die nicht in der Lage sein wollen, etwas tiefer zu sehen.
Aber, um bei Ankh und der Nase zu bleiben, der Hinweis, wie auffällig es ist, dass die altägyptische Kultur praktisch 3000 Jahre an dieser einfachen Symbolik stehen geblieben ist. Die Vielzahl an bildlichen Darstellungen und Hieroglyphen auf allen Gräbern und Statuen, die ich betrachten konnte, hat mir den Eindruck gegeben, dass vermehrt mit Sinneindrücken von Nase und Tasten die Natur betrachtete und weniger als heute mit Augen und Ohren. Der Tastsinn kam etwas später, weil die Hieroglyphen etwa ab 2000 vor der Zeitrechnung mit den Fingern gelesen werden konnten, also plastisch dargestellt wurden und nicht nur gemalt waren. Diese Mehrdimensionalität hat vielleicht noch weitere Informationen für den Lesenden bereit gestellt.
In jedem Falle wird man auf diese zerschlagenen Nasen im ägyptischen Museum keine richtige Antwort erhalten, weil die Leute ja dann sagen müssten, dass ihre Vorfahren solche Missetaten vollbracht haben.
Wir hingegen, in unseren Landen, wissen nur zu gut, welche Brutalitäten unsere Vorfahren aufgebracht haben um Ungläubige und Hexen in gemeinster Weise zu foltern und zu morden, weswegen wir in Mitteleuropa durch die Aufklärung ein gebrochenes Verhältnis zu Religion entwickeln konnten. Wir glauben nicht mehr alles. Und wenn wir glauben, so ist es so, als ob wir wie ein König unserem Untertanen erlauben eine Religionsform auszuüben. Sehen sehr kritisch und peinlich genau zu, was er dann tut.
Die Ursprünglichkeit hingegen in Kairo erfährt man sofort, wenn man einem Taxifahrer den Stadtplan reicht und sagt, hier und dort will ich hin. Er glotzt einen nur dämlich an, weil er nämlich den Plan überhaupt nicht versteht und lesen kann er sowieso nicht. Basta!
Von den Pyramiden zum heutigen Zustand in Ägypten kann man wahrlich keinen “Fortschritt” erkennen, also scheint doch Darwins Evolutionstheorie und der ganze moderne Glaube an Weiterentwicklung ein derbes Missverständnis zu sein.
gewalcker@t-online.de

Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit

Sonntag, Juni 13th, 2010

Über die Entdeckung des eigenen Willens
Vor einem Jahr saß ich bei einem Abendessen am Tisch des deutschen Botschafters in San José, Costa Rica, wobei mir im Laufe des Gesprächs der Satz entfuhr:“ .. die Mathematik ist ohnehin eine schlechte Basis auf denen alle Naturwissenschaft basiert, da es keine zwei identischen Dinge auf der Welt gibt, die man addieren könnte“. Was allgemeines Stirnrunzeln und heftigen Widerspruch entfachte. So denkt eben einer, der dem analytischen Denken höchste Skepsis entgegenbringt und der eigentlich im romantischen Schwärmen und der Metaphysik seine wahre Heimat erblickt.
Wer aber Peter Bieri begegnet ist, der einmal Professor für Analytische Philosophie in Berlin war und der daneben mehrere Romane geschrieben hat, die anstehen zu Klassikern zu werden, der wird zumindest in einem Punkte Korrekturen in seinem freizügigen Denken vornehmen, das ebenso zur Dogmatik werden kann, wie es weiland die Analytische Philosophie geworden war. Denn Bieri widerlegt rasch die Vorstellung, dass es kein Wissen geben kann.
Das findet sich als ersten Satz im Prolog von Bieri: „Unsere Idee der Welt ist die Idee einer verständlichen Welt. Es ist die Idee einer Welt , in der wir verstehen können, warum etwas geschieht. Zwar gibt es darin vieles, was wir nicht verstehen, und vermutlich wird das immer so bleiben. Trotzdem, denken wir, ist die Welt eine Gesamtheit von Phänomenen, in die wir Licht bringen können, indem wir uns erklären, warum die Phänomene so sind, wie sie sind. Selbst wenn dieser Gedanke eine Täuschung wäre: Anders können wir über die Welt nicht denken“.
Und dieser Punkt wäre dort zu finden, wo man beginnt zu fragen, „was ist denn überhaupt die mich umgebende Welt?“
Ist das die Physik, die in Teilbereichen feststellt, dass es nicht mal zwei identische Atome geben kann, oder ist es eine Metaphysik, die verneint, dass es überhaupt eine von den Naturwissenschaften erkennbare Realität gäbe?
Peter Bieri setzt stillschweigend voraus, dass seine Leser einen „gesunden Menschenverstand“ besitzen, der aber begrifflichen Täuschungen unterworfen werden kann, was in den meisten Fällen auf „Nichtwissen“ beruht. Also führt er, vielleicht, ohne es direkt zu wollen, in eine systematische Methodik des Nachdenkens ein, die ganz umfassend das Problem des Willens aufdeckt.
Die große Leistung Peter Bieris ist, diesen Denkakt bis zur letzten Seite seines 450 Seiten starken Buches durchzuführen, ohne dass man es bewußt als eine Führung im analytischen Denken überhaupt bemerkt!, und dass man gefordert wird mitzudenken, zu prüfen, zu widersprechen, um am Ende der einzelnen Kapitel mit Lösungen konfrontiert zu werden, die man manchmal wie Offenbarungen empfindet. In jedem Falle aber hat man am „Denken“ profitiert und auch bei gegenteiliger Meinung, etwas dazu gelernt.
Eine weitere Leistung ist, dieses „Denken lernen“ zu tun, ohne jemals in Bieris Buch mit der Fremdwortbelastung philosophischer Traktate in Berührung zu kommen. Bieri hat ausdrücklich dies als Programm gesetzt, in diesem Buch kommen keine Fremdworte vor, was der Sache des Denkens keinen Abbruch tut.
Die Vielzahl der Beispiel die Bieri heranführt und mit denen er die unterschiedlichsten Typen der Willensfreiheit- oder Unfreiheit aufführt, werden variiert und durchleuchtet.
Der Getriebene, der Mitläufer, der Unbeherrschte – sind die frei oder unbedingt frei oder gar unfreie Empfänger eines totalen Willens, dem sie ausgeliefert sind?
Jede Freiheit kann nur als bedingte Freiheit in Erscheinung treten. Und das ist dann auch die echte, garantierte Freiheit, die uns niemand mehr nehmen kann, auch nicht die heutigen Naturwissenschaften, die einem Determinismus das Wort reden, das sagt, dass die Vergangenheit eine einzige, eindeutig bestimmte Zukunft festlegt, weil die Naturgesetze dies bestimmen.
Die Feststellung von Hirnwissenschaftlern, dass der „freie Wille“ im Hirn nicht zu finden sei, weil man beobachtet habe, dass das Hirn schon vorher Click gemacht hat, ist nach Bieri eine Verwechslung von Kategorien, die man ohne Messgerät deswegen leicht an sich selbst überprüfen kann, indem man einfach feststellt: so habe ich es gewollt! – eine innere Erfahrung, die durch weiteres Wissen nicht mehr auf-oder abgewertet werden kann.
Es gibt ein sehr gutes Interview mit Peter Bieri über „die Selbstbestimmung“, die im WDR5 am 02.04.2010 erschien und als Podcast geladen werden kann. Wo ein großartiger Peter Bieri über 50 Minuten aus einer ungeheur interessanten Fülle an Lebensweisheit erzählerisch das Wesentliche heutiger Philosophie erläutert. In „Sternstunde Philosophie“ von Schweizer Fernsehen gibt es eine Sendung (auch als Podcast downloadbar) mit Peter Bieri über den „freien Willen“, die ebenfalls gut gelungen ist.
Gerhard Walcker-Mayer