Die lange Nacht der Metamorphose

Über das Buch „Die Gentrifizierung der Kultur, von Guillaume Paoli“.

Das Buch lag mir bleischwer in der Hand. Überschäumendes Begriffsrauschen. Viele Seiten lang konnte mir der zugeknotete Schreibsack nichts Plausibles sagen, erinnerte mich schwer und dunkel an Sloterdijk’s Geschwafel. Fremdwortgebimsel. Wie Elche mit stolzem Geweih tragen sie ihre Vokabeln und Schlüsse daher, die man entziffern soll.

Aber etwa ab der Mitte des Flusses, in dem man nie ein zweites Mal eintaucht, leuchtet das Kapitel „When the music’s over“ auf, erste Aufklarung, Helligkeit und ein deutliches Schreibziel wird erkennbar.
Endlich eine klare Übereinkunft: „Es gibt sie nicht mehr, die neue Musikgestalt“. Das als Beispiel für die Stagnation im heute.

Der Grundkonsens des Gedankengangs: Neoliberalismus – Mutation – Weltuntergang.
Aber alles in dem Sinne, wie „Sonnenuntergang“ nur metaphorisch gemeint ist. Nicht wirklich geht sie unter unsere gute Sonne, unsere gute alte Welt. Ist ja nur ein Sprachspiel. Wirklich, kein Untergang?

Mit der Metapher „Mutation“ wird ein endgültiger, unwiderruflicher Wandel der Menschheit angedeutet, der die kühnsten Vorstellungen Nietzsches in den Schatten stellt.

Nicht der Übermensch, wie ihn dieser Nietzsche gefordert hatte, steht an der Tür zu übermorgen, sondern der Sub-Untermensch, der alles unterbietet, was seit der griechischen Antike jemals das Licht von Kultur erblickte. So gesehen ist die Gentrifizierung der Kultur eine reine (kurzfristige) Monetisierung, eine Ästhetisierung von schönen Gedankengängen, bei denen der moderne Mensch gern blinzelt, aber lieben tut er nur sein Geld.

Bei der zunehmenden Verarmung vieler Bevölkerungsschichten soll der Eindruck erweckt werden, das ganze Land ernähre sich gut und gerne nur noch von Kunstprodukten, Design und der Entwicklung von Apps (das Paradies der Heimgekehrten, die neue Religion).

In diesem Punkt hat mich Paoli radikal überzeugt. Auf die Frage „Wie hältst du’s mit dem Kapitalismus?“ gibt es nur eine simple Antwort: die allermeisten Menschen sind einfach nicht dafür geschaffen. Sie haben auf Konkurrenzkämpfe keine Lust. Sind nicht gut im Kaufen und Verkaufen. Haben anderes im Kopf als das ewige Streben nach Optimierung und Gewinnmaximierung. Wer nicht Machtmensch ist oder Gewinnstreber, und das sind die meisten, werden die einfach aus der ganz großen Diskussion, aus den Philosophien der Weltanschauungen ausgeklammert?

Immer nur diejenigen, die sich ins Licht reinquetschen, die die größte Fresse haben, die also bestimmen den Text der Medien und der Politik. Die sind es, unsere Helden aus Sport, Politik, Wirtschaft, Schauspielerei etc. , während es der kleine Mann nur durch ein Sexualdelikt oder Totschlag mal in die „Bild“ schafft. Bestimmt werden wir aber durch ein ganzes Netzwerk an Strippenzieher, die unverwüstliche Machtgelüste ausleben wollen.

Dieses scheint der Grund zu sein, dass jegliche Zustimmung den Medien, der Politik, den Wirtschaftsmanagern und den Wissenschaften von der grauen Masse der Nichtkapitalisten versagt wird. Das System funktioniert nicht mehr. Es erinnert an den Untergang von Kaiserreich und Kirche. Statt einem vorangegangenem Krieg haben wir eben eine Mutation durchgemacht, die, wie blöd muss man sein, oft noch als technische Spitzenleistung beklatscht wird.

„Nur der Sozialismus kann den Planeten retten“, erklärt Bill Gates, einer der reichsten Menschen dieses Planeten, der wohl weiß wovon er redet. Das private Kapital, sagt Gates, sei zu selbstzentriert und ineffizient, um die globalen Energieprobleme der Menschheit zu lösen.

Paoli zitiert oft Nietzsche, zuletzt in seinem Schlusskapitel: seit Kopernikus scheint der Mensch auf eine schiefe Ebene geraten- er rollt immer schneller nunmehr aus dem Mittelpunkt weg.
Die erste Kränkung – wir stehen nicht mehr im Zentrum des Universums – war noch zu verkraften. Die zweite – mit Darwin ist der Mensch Tier geworden. Daran anknüpfend fügte Freud eine dritte Kränkung hinzu: Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus. Jetzt war die Vorstellung dahin, die Welt mittels Vernunft umgestalten zu können.
Mit der prometheischen Scham des Günther Anders geschah ein weiterer Affront: der Mensch ist seinen eigenen Maschinen nicht gewachsen. Dann folgte noch das ökologische Bewusstsein: die Natur wird zurückschlagen.

All diese Demütigungen sind aber nichts im Vergleich zu der Erkenntnis, die bereits Allgemeinwissen ist und auch alle vorangegangenen Kränkungen enthält, nämlich das Wissen von der Endlichkeit der Menschenspezies – nicht in unvorstellbaren Giga-Jahren, sondern in absehbarer Zeit.

Die Menschheit ist am Ende. (Claude Levi-Strauss, auch entsprechende NASA Modelle und Berichte. Stephen Hawking, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts halte, schätzt gar die Lebensdauer der Menschheit nur noch auf 100 Jahre.)

Wenn diese Auffassung als Wissen in exakten Wissenschaften gehandelt wird, dann stellt dies eine riesige Gefahr dar, weil sowohl Politiker wie Wissenschaftler unterschwellig belastet sind und dadurch Risiken falsch kalkuliert werden. Man feiert einfach das jetzt und heute, den kurzfristigen Gewinn, ignoriert zukünftige Generationen, die ja keine Existenzberechtigung mehr haben.

Ich möchte mit einem letzten Absatz aus dem Buch von Paoli diesen Blog schließen.
Womöglich sind all die Erscheinungen, die in diesem Buch beschrieben wurden, Konsequenzen dieser letzten Kränkung oder es sind Strategien, sich damit zu arrangieren. Sie hätten also doch einen gemeinsamen Ursprung, doch läge dieser in der Zukunft, besser gesagt, in der Vorstellung einer abwesenden Zukunft. Bevorzugt wird dann der schnelle, kurze Kick. Der Rückzug ins Familiäre. Die Flucht in Fiktionen. Die Anziehung des Monströsen. Das Zombiehafte. Das Nicht-wissen-Wollen. Solange es noch geht.

gwm

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