Archive for April, 2011

im Labyrinth von Antike und Mythos

Montag, April 11th, 2011

Man kann die römische Bürokratie als den Drachen sehen, den der Held, sei es Siegfried oder Erzengel Michael, mit dem Speer erschlägt , und die damit die symbolische Parallelität zur ungezügelten Sexualität andeutet, die zur dauerhaften Gefahr und zur Ausrede wird, hinter der sich ein ganzes Volk zu verstecken versteht.
Wir Deutschen kennen das aus eigener Geschichte. Griechen, Italiener, Portugiesen und andere haben es sich bequem gemacht hinter diesem Schild, der immer noch das Schreckenshaupt der schlangenbewehrten Medusa zeigt.
Der Druck, die große und schwere Hypothek der Antike wird so aufgelöst in Verantwortungslosigkeit, die man ausdrücklich begrüßt, weil man dem Wort der Philosophen und dem Bild der Künstler nichts anderes mehr als eben jene Bürokratie entgegen setzen kann. Schulterzückend, sich hilflos ergebend.
Der Künstler wird durch den Bürokraten ersetzt. Die Troglodyten mit der größten Fresse haben das Sagen. Mythe wird zum Geschwätz, das ein paar Touristendollars springen lassen soll, mehr darf der Antike nicht mehr zugemutet werden.
Das Labyrinth des Alltags wird mit ausdrücklicher Unwissenheit um den Faden der Ariadne, mit konstruierter Hilflosigkeit umsponnen. Das Problem des einsamen Helden, der Fafner erledigen soll, bleibt jenseits aller Medien, im Verborgenen, und damit erst wird es zur Heldentat. Denn die Stille ist das einzig Heilige, das aus der Antike übrig geblieben ist. Sie kann nicht mehr geoffenbart werden. Sie hängt ebenso am Glauben wie alle Religion. Nur hier, in diesem Raume haben wir noch eine Chance.
Soweit könnte man die Erlebnisse in Rom abhaken und sich eine Geschichte jenseits der Mythen ausdenken, bliebe da nicht ein kleiner, heißer Wermutstropfen, der die Liebe zu einem Stück Orgelmetall beschreibt.
Wer glaubt, alle Realität sei im Hirn konstruierte Tatsachenwelt, der hat das deutsche Wort “Wirklichkeit” das oft als Übersetzung für das angelsächsische “real” herhalten muss, womöglich nicht verstanden. Denn das besagt, dass nur wirklich ist, was wirkt. Und damit kann vom Traum bis zur strahlenden Vision alles der Wirklichkeit zugerechnet werden, auch ein Stück Orgelmetall, das eine Beziehung zu einer Orgel hergestellt hat. Und das nur lebt, weil es im Feuer einer Leidenschaft glüht.
Wir haben am gestrigen Samstag zum ersten Mal unsere Orgel im Conservatorio Santa Cecilia richtig gehört, als Ludwig Audersch aus Solingen die tamburinische Pralinenschachtel des Frederico Germani, vorsichtig und fein dosiert ausprobiert hat. Dabei wurde mir klar, welche Feinheiten in dem Instrument stecken und welche Möglichkeiten auch im heutigen Dröhnen der Flutes und Trompettes in solchen Farben wie Salicional mit Cimbel zweifach oder nur in einem Gemshorn mit kleiner Terz stecken. Kein einziges Mal war es bei diesem Tasten an der Orgel notwendig geworden das Grauen des Tutti oder das geschwätzige Geschnatter zu eng mensurierter Trombas durchzuhören.
Das ganze bombastisch verstrahlte Lametta, das man über die Ohren von hundert Chinesen oder Japanern ausschüttet, um Wirkung zu erzielen, das “Wachet auf Ihr armen Tröpfe..”, das heutigen Organisten so unheimlich schnell von den Fingern fliesst, all das können eingeweihte Seher von morgen nicht mehr hören.
Rom jedenfalls war für Odysseus, der nun weiter seine Runden dreht im Mittelmeer nach Ägypten, nach Schottland, nach Romania, überall dort eben wo die Einäugigkeit eines Zyklopen* verhindert, dass man dreidimensionales Sehen und Hören in die Wirklichkeit entlässt, ja dieses Rom war eine Erfahrung, die wieder bestätigt hat, dass ein mit Historie übersättigter Boden, Leben abziehen kann, statt es zu bereichern.
Das Irren im Labyrinth, das solcherlei Erkenntnis erst ermöglicht, hingegen, lässt die Sonne aufscheinen. Aber wie gesagt, sie scheint, und der Schein ist etwas für den Künstler….the reality überlassen wir den Engländern und die Wirklichkeit den Deutschen. (gewalcker@t-online.de)

*Zyklop: ach was für ein herrliches Symbol ist den Griechen mit diesem Gesellen vor dreitausend Jahren geglückt. Wer hier nicht den Monitor von TV und Computer erblicken kann, den unser armer Held Odysseus zu erschlagen hat, aus dessen Anblick er sich zu befreien hat, und das sein elementarstes Erlebnis sein muss, der hat wahrlich keinen Zugang zum Mythos. Gerade an dieser Symbolik erkennt man rasch, dass zwar dem Mythos der Logos gefolgt ist, vielleicht eine Verschränkung statt gefunden hat, aber ein Ende des Mythos nicht in Sicht ist.

Von der Zivilisation zur Apokalypse: Guenther Anders und andere Apokalyptiker

Sonntag, April 3rd, 2011

Man kann die Geschichte der Menschheit, die ja, wenn man stark vereinfacht nur 20.000 Jahre zählt, also weit weniger als die erste Halbwertszeit des in Fukushima ausgelaufenem Plutoniums, ein ebenso stark vereinfachtes Rechenspiel anstellen. Ich denke mir, wenn es schnell gehen muss, das Haus brennt, in zwei Miinuten explodiert der Öltank etc.., dann ist es erlaubt das zu tun.
Hier also meine Geschichte der Menschheit in drei Zeilen:

Abholzen + Verbrennen = Kultur (Prometheus)
Kultur + Technik = Zivilisation (Antike)
Zivilisation - Kultur = Apokalypse (Moderne)

Ich habe versucht diese Entwicklung auf einen Dreisatz zu bringen, der absichtlich ein schräges Gefälle aufweist, weil durch eine zu offensichtliche Klarheit die Wahrheit verwischt werden würde.
So unterscheiden wir natürlich zwischen der griechischen Techne und der heutigen Technik.
Ehemals, als man nur einfachste Werkzeuge kannte, ging von diesen keine Gefahr aus, während heute die Maschine den Menschen domestiziert und nur noch Freiheit darin besteht, dem “freien Geist” einige “Clicks und Buttons ” zur Wahl zu stellen, während der Verzicht auf Computer, Kfz oder Bahn, Kohle, Kernkraft oder Windenergie, in aller Konsequenz nie mehr erlaubt sein wird.
Selbst stoische Nonkompromissler, die keinerlei Technik an sich herankommen lassen wollen, hätten mit der “Unfreiheit” zu kämpfen, permanent an die Maschine denken, um ihr ausweichen zu können. Das würde dann sogar ihren ganzen Lebensinhalt ausmachen. Die Gesellschaft hingegen hat sich auf die Maschine geeinigt, ebenso darin sich den Bedürfnissen der Maschine anzupassen.
Das heißt, die Gesellschaft hat sich ständig den Bedürfnissen, der Logistik und den durch die Maschinen vorgebauten Strukturen völlig zu unterwerfen.
Auch beim Abschalten aller Atomkraftwerke werden wir ständig durch die jeweilig vorherrschenden Technologien auf deren Gefahren und Schädigungen erinnert und werden dadurch ins Glied gestellt.
Dazu kommt, dass der Mensch, der maßlos Energie verbraucht, immer daran erinnert wird, dass der größte Teil aller anderen Menschen dies nicht tun kann, weil dieser die Mittel dazu nicht hat.
Jenes Belohnungssystem, das den Ausschluss aus dem begüterten Reigen sehr schön anhand der täglichen Tagesschauen mit drohendem Zeigefinger ins letzte Zimmer strahlt, zeigt Wirkung in der Form, dass wir kaum in Europa mit grundsätzlicher Systemkritik, nicht einmal bei den kritischen Philosophen rechnen können. (mein nahezu gesamter Bekanntenkreis hat sich in den letzten zwei Jahren dahingehend aufgelöst, dass man nun “sehr kritisch” die “Daumen” bei Facebook abhakt, und in dieser eher in Richtung Rinderherde mutierenden Gesellschaft, die sich gegenseitig Mut zumuht, anstatt gerade einer solchen offensichtlichen Verdummung Platz zu machen, wäre es an der Zeit laut aufzuschreien, wie von Munch gemalt)
Die Katastrophe ist also nicht das ins Chaos abdriftende Kernkraftwerk in Fukushima sondern der technische Alltag eines modernen Europäers, der keinerlei Bewusstheit für diese alltägliche Katastrophe aufkommen lassen will. Die Katastrophe ist die Logik dieses Weges, der in der Apokalypse münden muss, wie es Günther Anders in “Die Antiquiertheit des Menschen (1)” bereits im Jahre 1954 so detailliert vorausgesehen hat, dass man die Konsequenz dessen, was wir in den nächsten Jahren erleben werden, dort eingemeißelt in bleischweren Lettern zur Kenntnis nehmen können. Was uns wahrlich keinen Trost bringen wird.
Das Problem allerdings ist, dass wir mit den Thesen von Apokalyptikern (auch von der Ausnahme des Jesus von Nazareth) nicht unser Tagesgeschäft organisieren können. Der Mensch braucht dazu Hoffnung und über die Philosophie hinausgehenden Ratschluss.
Wer allerdings nie über die Banalitäten seines Alltags hinaus sieht, wer nie Internet, Television, “die Steckdose”, den unbedingt notwendigen Kleinwagen, seine Fließbandarbeit und was noch alles für Kram, in Frage stellen kann, wer seinen Alltag nicht explodieren lassen kann in einen neugeborenen Stern, der mit sprühender Leuchtkraft seinen eigenen ganzen Kosmos erhellen kann, der sollte erst gar nicht versuchen diesen kleinen Artikel zu verstehen, weil er dort vergebens nach “Nutzen” und anderen Dingen sucht.
gewalcker@t-online.de