Archive for Januar, 2011

Kairo - Aufstand gegen den Diktator

Sonntag, Januar 30th, 2011

Der Verfasser war kurz vor Weihnachten 2010 in Kairo, um dort eine Orgel in der Deutschen Evangelischen Kirche zu besichtigen und darüber Restaurierungsvorschläge zu unterbreiten.
Der Aufenthalt in der “Mutter aller Städte” sollte einige Tage beanspruchen und wurde für mich, wie auch für meinen Sohn Andreas, zu einem schönen Abenteuer, das wir nicht missen wollen.
Wir waren untergebracht in einer schönen geräumigen Wohnung eines deutschen Diplomaten auf der Nil-Halbinsel Zamalek, wo oft genug billige Taxifahrer vor dem Haus parkten, um uns in den Weiten der 20Millionen-Metropole Kairo irgendwo hinzufahren.
Was mir persönlich auf Anhieb in Kairo positiv auffiel waren die Menschen, mit ihren weichen, anschmiegsamen Charakteren und ihren sehr höflichen Umgangsformen. Nie haben wir ruppige oder abweisende Personen in Kairo angetroffen. Bei einer Taxifahrt zur Deutschen Evangelischen Kirche, bei der der Fahrer nicht wusste wie er zu dieser Kirche gelangen sollte, haben wir mit über 10 Personen Kontakt bekommen, die uns alle aus tiefster Verbundenheit beraten haben. Es wurde auf den Straßen debattiert, Pläne gemalt, Fotos verglichen, Verwandte, Pfarrer und Freunde befragt. Wir fuhren zwei Stunden kreuz und quer durch Kairo, und haben sicher die Kirche mehrmals gestreift. Konnten uns in Französisch, Deutsch und Zeichensprache verständigen. Am Ende aber kamen wir natürlich viel zu spät, haben aber schöne Einblicke in die arabische Seele der Ägypter nehmen dürfen, die uns großartig beeindruckt hat. Die Freundlichkeit dieser Menschen kann man kaum in solchen Maßen in anderen Ländern antreffen.
Auffällig natürlich in Kairo an jeder Ecke, in jeder Straße, die extreme Armut die weit über die Hälfte aller Bewohner der Stadt wie ein Pestgeschwür umklammert. Die restlichen 50 % würde ich immer noch als sehr arm nach unseren sozialen Vorstellungen nennen. Wenn es hoch kommt, gibt es in dieser Stadt keine 20.000 Leute, die wirklich angemessen und bedürfnisfrei leben können.
Das Wasser der Stadt ist stark mit Chlor versetzt, Müllabfuhr gibt es nicht, das Verkehrschaos und der Gestank der uralten Kisten sorgt für entsprechende Luft. Der Nil wird als Müllabfuhrkanal benutzt, wer dort eine Fahrt antritt, wird mit schwimmenden Plastiksäcken konfrontiert und schlimmer noch, an den Ufern mit der bitteren Armut, die das Land und besonders die Stadt Kairo im Würgegriff hat.
Der Ekel vor dieser unmenschlichen Lebensform hat mich bis heute nicht mehr verlassen und um so mehr habe ich es begrüßt, dass die Leute gegen diese Militärdiktatur endlich bereit ist aufzustehen, um diese korrupten Banditen aus dem Land zu jagen.
Wie traurig war es, als in Tunesien bei den Massenprotesten gegen ihren verbrecherischen Präsidenten, keine einzige Stimme in Europa oder Amerika sich erhob, um diesen armen Wichten Solidarität zu bekunden. Wie traurig wieder ist es heute, zu sehen, dass diesen geschändeten Menschen in Ägypten wieder keine Unterstützung vom Westen beikommt, weil man dort die wirtschaftlichen und militärischen Gesichtspunkte vor die humanitären gesetzt hat. Damit bricht das ganze blasse Gerede von Demokratie und Humanität, was ja die Zwecke sind, denn das Militär soll ja Mittel zum Zweck sein, wie eine schaurige Lüge in sich zusammen.
Ich muss an die Menschen denken, die mit 30-50 Euro im Monat in Kairo leben, ohne frisches Wasser, ohne Hartz4, ohne Rechtsanspruch vor Gerichten, die beispielhaft in ihrer Bescheidenheit und Höflichkeit sind und die viel zu stolz wären, um meine Kategorien der Armut gelten zu lassen, die so direkt uns als Ideale vorangestellt werden können, die so große Hoffnungen in Europa und in die USA haben, und nun sehen müssen, dass dieser Mubarak, der sie verprügeln und erschießen lässt, mehr Unterstützung durch diese Staatenbünde erhält als sie selbst. Das bedrückt.

Wir dürfen uns deswegen am Ende nicht wundern, wenn Ägypten sich vom Diktator befreit und danach eher in die Arme des radikalen Islam fällt, als dem Westen zu trauen. Wir Deutschen sind hier in der Pflicht. In unserem Land hat es die radikalste Militärdiktatur gegeben, die man sich vorstellen kann. Wir sind bereit dieses grauenhafte Kapitel der Deutschen Geschichte aufzuarbeiten, aber dabei dürfen wir nicht diese Erfahrungen an der Gegenwart vorbeiziehen lassen, als sei Geschichtsaufarbeitung Selbstzweck. (gewalcker@t-online.de)

Kairo, Pyramiden und Götter

Sonntag, Januar 30th, 2011

Wer die fünfundzwanzig Kilometer von Kairo entfernten Pyramiden sehen will, muss über die Styx der nebelschwarzen Autobahn, wohin ihn Charon im Taxi überführt, und was dem so Überführten Lunge und Nase zudrückt. Auf Letztere komme ich gleich zurück.
Dann wird er sehen, dass der Schleim ums Areal der Heiligtümer so stark angewachsen ist, dass er das “Heilige” nicht mehr erahnen kann. Touristen, Wasserverkäufer, stinkende Kamele und am Touristen gesättigte Araber verübeln jeden Ausblick, jenes Geheimnis der Pyramiden wahrnehmen zu können. Als ob die Pharaonen solche Grauzone vor ihren Grabstätten mit Absicht hätten anwachsen lassen. Eine Technik, wie sie Nietzsche bei seinen Schriften angewandt hat, indem er platte Wahrheiten um seine Aphorismen gestreut hat, um den Flachköpfen etwas an die Hand zu geben, das ihre von Facebook&Co plattgewalzte Seele mit Stolz und Wissen füllt, während die schön versteckten, geheimen Wahrheiten nur den Eingeweihten zugänglich sind. Gründe warum man Nietzsche und die Pharaonen lieben muss: sie bewahren uns vor der sogenannten “nüchternen” Realität.
Mit Entsetzen habe ich die Sphinx betrachtet, das größte abbildnerische Monument der Menschheit, weil man ihre Nase abgeschlagen hat. Schon im ägyptischen Museum in Kairo ist mir sofort aufgefallen, dass allen Standbildern die Nasen abgeschlagen wurden. Ich vermutete irgend ein religiöses Ereignis in den 1000-2000 Jahren vor der Zeitrechnung, bei dem Religionsansichten gewechselt hatten und die alten Götter entrechtet wurden. Nicht ganz falsch war diese Ansicht, aber ich wurde eines viel durchsichtigeren Argumentes belehrt, nachdem ich einen Kulturbeitrag gerade über die Sphinx auf irgendeinem TV-Kanal betrachtet hatte. Der Sphinx wurde dieser riesige Felsen, der ihre Nase darstellte, ziemlich genau ums Jahr 1450 abgehauen, weil die damalige Bevölkerung immer wieder zu den pharaonitischen Göttern gebetet hatte, wo doch seit etwa 700 n.Chr. Die Araber ins Land kamen, die Ägypter vertrieben und nun Mohammeds Islam einzig gültige Religion im Lande war. Erstaunlich, dass die Islamisten die Nase jener Götter für so elementar wichtig hielten.
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Ein Zeichen dafür, dass diese Religion der Pharaonen richtiggehend lebendig war. Man gehe nur einmal in solch einem Januarmorgen hinaus aufs Feld, lasse dort die Sonne auf die Ackerschollen scheinen und ziehe diesen Geruch durch die Nase ein, wenn man Glück hat und ein Brombeerstrauch ist in der Nähe, wird man um so mehr vom Leben verstehen, das nur durch die Nase gewittert werden kann. Und man sehe sich das Bild an in dem Osiris dem Pharao das Ankh (das altägyptische Kreuzsymbol bei dem der obere Balken wie ein Mund geöffnet ist) an die Nase hält.
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Prozession der ewigen Wiedergeburt. Das Ankh übrigens ging als Kreuz in bei den koptischen Christen ein. Schließlich sind Joseph und Maria nach Ägypten geflohen, vor ihren Schächern. Die Kopten fühlen sich als alte Ägypter in der Nachfolge der Pharaonen: das sind die Auseinandersetzungen zwischen Arabern und “Kopten-Christen”. Mit Christenverfolgung hat dies absolut nichts zu tun, das sind eher vatikanische oder mediale Interpretationen unserer Informationsgesellschaft, die nicht in der Lage sein wollen, etwas tiefer zu sehen.
Aber, um bei Ankh und der Nase zu bleiben, der Hinweis, wie auffällig es ist, dass die altägyptische Kultur praktisch 3000 Jahre an dieser einfachen Symbolik stehen geblieben ist. Die Vielzahl an bildlichen Darstellungen und Hieroglyphen auf allen Gräbern und Statuen, die ich betrachten konnte, hat mir den Eindruck gegeben, dass vermehrt mit Sinneindrücken von Nase und Tasten die Natur betrachtete und weniger als heute mit Augen und Ohren. Der Tastsinn kam etwas später, weil die Hieroglyphen etwa ab 2000 vor der Zeitrechnung mit den Fingern gelesen werden konnten, also plastisch dargestellt wurden und nicht nur gemalt waren. Diese Mehrdimensionalität hat vielleicht noch weitere Informationen für den Lesenden bereit gestellt.
In jedem Falle wird man auf diese zerschlagenen Nasen im ägyptischen Museum keine richtige Antwort erhalten, weil die Leute ja dann sagen müssten, dass ihre Vorfahren solche Missetaten vollbracht haben.
Wir hingegen, in unseren Landen, wissen nur zu gut, welche Brutalitäten unsere Vorfahren aufgebracht haben um Ungläubige und Hexen in gemeinster Weise zu foltern und zu morden, weswegen wir in Mitteleuropa durch die Aufklärung ein gebrochenes Verhältnis zu Religion entwickeln konnten. Wir glauben nicht mehr alles. Und wenn wir glauben, so ist es so, als ob wir wie ein König unserem Untertanen erlauben eine Religionsform auszuüben. Sehen sehr kritisch und peinlich genau zu, was er dann tut.
Die Ursprünglichkeit hingegen in Kairo erfährt man sofort, wenn man einem Taxifahrer den Stadtplan reicht und sagt, hier und dort will ich hin. Er glotzt einen nur dämlich an, weil er nämlich den Plan überhaupt nicht versteht und lesen kann er sowieso nicht. Basta!
Von den Pyramiden zum heutigen Zustand in Ägypten kann man wahrlich keinen “Fortschritt” erkennen, also scheint doch Darwins Evolutionstheorie und der ganze moderne Glaube an Weiterentwicklung ein derbes Missverständnis zu sein.
gewalcker@t-online.de

David Friedrich Precht und kein Egoist sein

Sonntag, Januar 16th, 2011

Wer “religionsbefreit” sein Leben einrichten möchte, hat schon erhebliche Probleme Begründungen für Moral, Kooperation, Sinn, letzten Endes alle Formen des uns bekannten sozialen Zusammenlebens zu finden.
David Richard Precht, der einen Besteller nach dem anderen landet, die allesamt ausschliesslich “Begründungen für solcherlei soziales Verhalten ohne Religion” darstellen, und in denen Schimpansen für Moral in der Natur herhalten müssen, macht es sich nicht einfach in “Die Kunst kein Egoist zu sein”.
Was stört an dem Buch ist, wie schon im vorigen Buch “Liebe ein unordentliches Gefühl”, das ich beim besten Willen nicht bis zum Ende lesen konnte, dass sehr weit ausgeholt wird, um einfache Thesen zu unterminieren.
Ich finde seine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung nach Darwin (Sozialdarwinismus) bis zum I.WK hervorragend. Es leuchtet ein, dass bei dieser verschärften Gangart des Darwinismus, der einpeitschenden Lehrkörper, die Darwins Evolutionstheorie “alle gegen alle” überspitzten, um an allen möglichen Universitäten von England bis Deutschland die Aufheizung des Kriegsklimas begünstigten.
Vergessen wir auch nicht, dass aus diesem Darwinismus heraus der Rassismus der Nazis später seine Wurzeln gefunden hat. Wer sich die Mühe macht, all diese grauenhafte Denkgebäude von Haeckel und Co (Monismus), das vor dem I.WK die deutschen Bildungsbürgerstuben bereichterte, zu untersuchen, der weiß, das Wissenschaft und daran angehängte Philosophien der Menschheit nicht nur Ästhetik und Freude beschert haben.
Dass aber am Ende Schimpansen als Zeugen herhalten müssen, um “Moral in der Natur” zu finden,, jetzt sind wir wieder bei Precht, das ist schon eine abwegige Philosophie, die auch an der heutigen Zeit keine Monolithen mehr errichtet. Denn die heutige Zeit leidet nicht am “Wissen” sondern am “Glauben”. Wobei vollkommen wurscht ist, an welches Heil man glaubt, wenn es nur dem Blochschen “Prinzip Hofffnung” nahe kommt.
Der Titel des Prechtbuches zeigt schon deutlich, wohin die Reise gehen soll: keine Reibung bitte. Die Horde ist die Urzelle, nicht die Herde, das klänge schon wieder etwas böse, sagt Kuh und Ochs zu Frau und Mann. Also der aufs plemplem-TV ausgerichtete Intellekt, der us-amerikanische Sitten gewohnt ist, wo man auch BlahBlah immer noch in schöngetunkten Martinikirschen ausspricht, der ist so richtig Prechts Mandant. Dem kann er die volle Überzeugungskraft offenbaren.
Die Auffassung Prechts, dass der Philosoph heutzutage intensiv in die Wissenschaften Einblicke nehmen muss, um noch philosophisch tätig sein zu können, kann man nur am Rande Recht geben. Nämlich dann, wenn die Philosophie sich anschickt aus den Synthesen der verschiedenen Wissenschaften Schlüsse zu ziehen, die auf mögliche zukünftige Probleme der Menschheit hindeuten. Und diese Probleme deswegen auftreten, weil Wissenschaften (nehmen wir einfach Sozialwissenschaften und den Klimawandel) zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Hier kann unverbildete Philosophie vielleicht Lösungen anbieten.
Das, was ich allerdings jetzt von Precht kennengelernt habe ist: hervorragende, sehr gut gemachte einfache Darstellung philosophischer Problematik, gute Geschichtsdeutung, fragwürdige Lösungsansätze deswegen, weil der Mann einfach glatt und klar die Auffassungen der Neurologen, Hirnforscher und Schwarmverhaltensmenschen übernimmt.
Philosophie allerdings, die meint ohne Metaphysik auskommen zu können, die eine Darstellung wagt, als haben wir nur Fragen zu lösen wie im bequemen Sessel einer Talkshow, die garnicht erst zum eigenständigen Nachdenken auffordert, eine solche Philosophie brauchen wir nicht. Die ist schneller verraucht, als der gestrige Tag.

gewalcker@t-online.de
in Rom