Archive for April, 2009

Robert Spaehmann’s nietzscheresistenter Gottesbeweis

Sonntag, April 26th, 2009

Dank der Physik ist es möglich, dass wir heute satellitengesteuert mit dem Auto fahren können oder pünktlich von einem Ende der Welt zum anderen reisen. Ja mir ist es heute noch völlig schleierhaft, wie sich die riesigen Düsenjets mit mehr als 350 Personen und Koffern in die Lüfte erheben, um dann auch noch perfekt auf dem richtigen Flughafen wieder zu landen. Das, obwohl die ganzen Grundlagen, auf denen diese Berechnungen beruhen, eindeutig gegen den menschlichen Sinn ausgerichtet sind. Denn Mathematik beruht ausschliesslich auf Abstraktion und nicht auf den realen, handgreiflichen Dingen, die wir sehen, riechen und fühlen können. Weil es eben keine zwei identische Dinge in unserer Realität gibt, keine zwei identischen Äpfel, nicht einmal zwei identische Schneeflocken. Deswegen kann die Mathematik mit ihrer einfachsten Rechnung, 1+1=2, reell niemals nachgewiesen werden.
Mathematik findet in unseren Köpfen statt. Ein Apfel und eine Birne, das ist etwas Obst; diese Aussage ist praktisch schon so ungeheuer kompliziert und abstrakt, dass sie bei primitiven Völkern kaum verstanden wird. Ein Volk, das den Begriff “Obst” nicht in seinem Sprachrepertoire hat, wird diese Aussage also überhaupt nicht verstehen können. Erst als man in Europa das römische Zahlensystem gegen die arabischen Ziffern ersetzte, war es auch möglich komplexere Berechnungen bis hin zu den extrem schwierigen Begriffsbildungen heutiger Wissenschaften vorzunehmen. Was also besagt, dass unser heutiges Verständnis von “Welt” mit der Komplexität von Begriffen einhergeht. Was letztendlich zu dieser hohen Spezialisierung geführt hat.
Wie sieht dies ausserhalb der Wissenschaften aus. Müsste es da nicht auch möglich sein Dinge zu beweisen, die wir sinnlich überhaupt nicht mehr erfahren können? Ich meine: Ja!
Wie in den Wissenschaften, wo vor dem wissenschaftlichen Beweis der Glaube steht, der bewirkt, dass man eine bestimmte Wissenschaft studiert und beweisen will, dass dieser Wissenszweig seine Berechtigung hat, genauso kann man einen religiösen Glauben beweisen oder das Gegenteil davon.
Ich möchte zwei der bekanntesten (und eingängigsten) Beweise hier darstellen:
1. Friedrich Nietzsches Beweis, dass Gott tot ist, und
2. Robert Spaehmanns Gottesbeweis, der auch von Nietzsche akzeptiert werden müsse

1. Zunächst also ein sehr geradliniges und einfaches Argument Nietzsches für die Abwesenheit Gottes:
“Die Redlichkeit Gottes.- Ein Gott, der allwissend und allmächtig ist und der nicht einmal dafür sorgt, dass seine Absicht von seinen Geschöpfen verstanden wird, … der die zahllosen Zweifel und Bedenken fortbestehen lässt, Jahrtausende lang, als ob sie für das Heil der Menschheit unbedenklich wären, und der doch wieder die entsetzlichsten Folgen bei einem Sich-vergreifen an der Wahrheit in Aussicht stellt? Würde es nicht ein grausamer Gott sein, wenn er die Wahrheit hätte und es ansehen könnte, wie die Menschen sich jämmerlich um sie quält?

2) und nun zwei Argumente Robert Spaehmanns

2a) was Nietzsche prinzipiell bei den Gottesbeweisen in Frage stellte, war die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und damit der Gedanke von so etwas wie Wahrheit überhaupt. Gottesbeweise kranken sämtlich an dem, was Logiker eine petitio principii nennen. Beweise, die das voraussetzen, was sie beweisen wollen - also Gott. (z.B. der nachfolgende Satz : Da der Papst unfehlbar ist, ist alles was er glaubt wahr. Er glaubt unter anderem auch unfehlbar zu sein, also ist er in der Tat unfehlbar). Umgekehrt, wer die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft, wer die Geltung des Widerpsruchprinzips leugnet, der kann überhaupt nichts mehr sagen. Die These: es gebe keine Wahrheit, setzt Wahrheit zumindest für diese These voraus. Sonst landen wir im Absurden. Und hier antwortet Nietzsche: Wer sagt uns, dass wir nicht im Absurden leben?
Und an diesem Punkte, wo alle Waffen abgelegt sind, entgegnet Spaehmann: genau dieses Argument Nietzsches beweist eines, nämlich die Wahrheitsfähigkeit des Menschen ist an die Existenz Gottes gebunden. Wir können das eine nicht ohne das andere denken. Wir können nur beides zugleich haben. (oder wir akzeptieren Nietzsches Absurdität, wo ohnehin alles egal ist) Übrigens ist bei aller Sinnlosigkeit des Menschenlebens immer noch das Argument Schopenhauers, wenigstens die Leiden auf das minimalste Maß zu drücken, ein schwerwiegendes. Vorausgesetzt natürlich man glaubt an die Sinnlosigkeit.

2b) Die Spur Gottes in der Welt, von der wir heute ausgehen müssen, ist der Mensch, sind wir selbst. Und diese Spur, die wir selbst sind, existiert nicht, ohne, dass wir es wollen, wenn auch Gott vollkommen unabhängig davon existiert.

2c) dass Wahrheit Gott voraussetzt, will Spaehmann mit einem “nietzsche-resistenten” Gottesbeweis beweisen. Ein Gottesbeweis aus der Grammatik. Aus dem futurum exactum. Von etwas sagen, es sei jetzt, ist gleichbedeutend damit, zu sagen, es sei in Zukunft gewesen. Beispiel: Dass ich am Abend des 25.April 2009 zwischen 19.30 Uhr und 19.45Uhr ein Käsebrot verspeist habe, war nicht nur an diesem Abend wahr, sonder es ist immer wahr. Das Gegenwärtige bleibt als Vergangenheit des künftig Gegenwärtigen immer wirklich. Aber die Spuren werden schwächer und schwächer. Und in 450 Milliarden Jahren ist der Vorfall des “Käsebrotessens um 19Uhr30″ aus allen Erinnerungen der Welt gestrichen. Dennoch, auch im Jahre 450.002.009 ist dieser Vorfall wahr, so, wie eine Versteinerung aus dem Jahr 220.000 v.Chr. als solche wissenschaftlich gedeutet werden und damit in die Erinnerung zurückkehren kann. Da wir aber in dem ersten Beispiel mit Sicherheit keinerlei Möglichkeiten mehr haben werden eine Erinnerung daran aufzubauen, muss, damit Wahrheit ewig sein kann, ein Bewusstsein gedacht werden, in dem alles was geschieht, aufgehoben ist. Ein absolutes Bewusstsein.
Ich fürchte wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben, schrieb Nietzsche. Aber auch Nietzsche konnte nur schreiben, was er schrieb, weil er das, was er sagen wollte, der Grammatik anvertraute.

gwm 25.4.09 20Uhr42

Wie Glaube sein muss… - nach Heidegger

Sonntag, April 26th, 2009

aus “Metaphysik”, Martin Heidegger. (aus Notizen, teilweise aus der Erinnerung zitiert, gwm)
(…) Seite 5
Aber andererseits ist jener Glaube, wenn er sich nicht ständig der Möglichkeit des Unglaubens aussetzt, auch kein Glauben, sondern eine Bequemlichkeit und eine Verabredung mit sich, künftig an der Lehre als einem irgendwie überommenen festzuhalten. Das ist dann weder Glauben noch Fragen, sondern Gleichgültigkeit, die sich nun mehr mit allem vielleicht sogar sehr interessiert beschäftigen kann, mit dem Glauben ebenso wie mit dem Fragen.
(…)
Zunächst denke ich, ist Glauben immer eine Sache von Zweifeln. Nur die welche den Zweifel fürchten, weil er ihre Idylle erschüttert, nur die glauben unbeirrt. Dieses unbeirrte Glauben ist ein unerbittlicher Befehl an sich selbst nie zu zweifeln, was zu dieser kritiklosen Auswüchsen führt.
Eine Schwierigkeit kommt da auf, wo ich mir Glauben denke, der sich die Option auf Unglauben offenhält, das ist mir zunächst einmal völlig unverständlich. Aber es ist klar, das Glauben den Zweifel braucht und den Abgrund zum Unglauben. Glauben braucht die Frage, das Hinterfragen, das ungläubige Staunen. Der Glaube braucht das fragende Kind und das Hinterfragen.
Die Mechanik mit der viele Gebete gesprochen werden, mit der Gottesdienst betrieben wird, die Mechanik zu zerstören und neue Kräfte freizumachen mit Unglauben, das ist es, wie es sein muß. Dieser ritualisierten Automation den Hahn abdrehen und sagen, das kann kein Gott gewollt haben, das gebiert einen neuen Glauben.
Gleichgültigkeit darf nie im Bereich des Glaubens einkehren, Glaube muss immer Flamme sein.